Valentin Krasnogorov

 

 

 

 

 

Wir streiten uns niemals

 

Dramolett

 

 

 

Aus dem Russischen von Renate Lange

 

 

 

 

ATTENTION! All copyrights to the play are protected by the laws of Russia and international legislation and belong to the author. Its edition and reprinting, duplication, public performance, translation into foreign languages, without a written permission of the author is forbidden.

 

 

 

 

 

 

Contacts:

e-mail: valentin.krasnogorov@gmail.com

renate.lange99@web.de

Site: http://krasnogorov.com

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Handelnde Personen:

 

Ehemann

Ehefrau

 

 

 

 

Vorwort

 

In diesem Stück, wie auch in einem anderen Stück des Zyklus Die Reize des Ehebruchs (Der Besuch der jungen Dame.) wird das Sprechen Beiseite. (á part.) umfassend angewandt. Die Methode a´part wurde im Laufe von Jahrhunderten aktiv in der Dramaturgie verwendet, doch im letzten Jahrhundert galt sie als archaisch. Jedoch, wenn man ihr einen neuen Sinn und neue Formen gibt, kann sie sehr modern klingen und dem Drama neue Möglichkeiten eröffnen. Der Text zwischen den Zeilen wird zum geheimen Text, der Dialog wird zu einem Duell nicht nur von Worten, sondern auch Gedanken, was die Schauspieler zwingt, neue Wege für ihren Bühnenauftritt zu finden.

 

 


 

 

 

Wohnung eines Ehepaares. Die FRAU bügelt Wäsche. Es klingelt. Die FRAU öffnet dem Ehemann die Tür.

 

MANN. (Ungezwungen.). Sei gegrüßt, meine Liebe. (Küsst sie auf die Wange.)

FRAU. Guten Tag , Schatz.

MANN. Was gibts Neues?

FRAU. Es ist alles wie immer.

MANN. (Beiseite.) Das Puder habe ich abgeschüttelt, das Parfüm abgewaschen, nach dem Wein habe ich Kaffeebohnen gekaut - sie kann nichts gemerkt haben.

FRAU. (Beiseite.) Das Puder hat er abgeschüttelt, das Parfüm abgewaschen, nach dem Wein Kaffeebohnen gekaut und denkt, ich habe nichts gemerkt.

MANN. Die Kinder schlafen?

FRAU. (Mit leichtem Vorwurf.) Schon lange.

MANN. (Verlegen.) Weißt du, ich musst ein bisschen länger auf Arbeit bleiben.

FRAU. Ein bisschen ?

MANN. Zu uns kam wie der Blitz aus heiterem Himmel der Inspektor aus der Zentrale... (Beiseite.) Warum sind Ehefrauen immer mit irgendetwas unzufrieden.?

FRAU. (Beiseite.) Er ist zu aufgeregt.

MANN. . und wir mussten einen Haufen Fragen durchhecheln.

FRAU. (Beiseite.) Wie gewissenhaft er lügt.

MANN. (Beiseite.) Gut, dass ich mir vorher meine Version ausgedacht habe. (Zur FRAU.) Du kannst dir nicht vorstellen, wie erschöpft ich bin.

FRAU. Kann ich mir vorstellen.

MANN. (Beiseite.) Ich bin wirklich erschöpft.

FRAU. Hast du Hunger?

MANN. Wie ein Wolf. Na ja, wir haben Kaffee getrunken...

FRAU. Nur Kaffee?

MANN. Kann sein nicht nur Kaffee...(Beiseite.) Sie scheint etwas zu ahnen. Macht nichts, ändern wir eben die Version.

FRAU. Vielleicht habt ihr nicht nur getrunken?

MANN. Ja, natürlich. Wir hatten auch noch ein paar Snacks.

FRAU. Und wer ist Wir?

MANN. Ich habe es dir doch erklärt ein Inspektor aus der Zentrale.

FRAU. (Beiseite.) Er kann mir direkt in die Augen sehen.

MANN. (Beiseite.) Der Knackpunkt ist, dass sie wirklich eine Inspektorin aus der Zentrale ist. Sie ist extra angereist, um mit mir ein-zwei Tage zu verbringen.

FRAU. Wenn ihr Snacks hattet, warum bist du dann hungrig wie ein Wolf?

MANN. Habe ich das denn gesagt?

FRAU. Vor einer Minute.

MANN. Du hast mich falsch verstanden. Oder ich habe mich versprochen. Ich bin erschöpft wie ein Wolf.

FRAU. Man ist erschöpft wie ein Hund. Ich bin zum Beispiel müde wie ein Hund.

MANN. Und ich wie ein Wolf.

FRAU. (Beiseite.) Zehn Meter gegen den Wind spürt man, dass er etwas verheimlichen will. Wenn er nichts zu verbergen hat, setzt er sich ohne Gerede einfach an den Tisch und macht sich nicht zum Klops.

Man hört Klavierspiel. Der Mann hebt den Kopf.

MANN. (Schaut nach oben.) Die Nachbarin spielt immer noch?

FRAU. Ja, immer noch. Solange bis der Mann kommt. Also wirst du nun essen oder nicht?

MANN. Lieber nicht. /Beiseite.) Wir beide sind wie Witzfiguren so banal, dass man schon nicht mehr lachen kann.

FRAU. Nun erzähle.

MANN. Worüber?

FRAU. Wo warst du?

MANN. Ich erkläre dir jetzt zum hundertsten Male: ich wurde auf der Arbeit aufgehalten. Danach haben wir noch irgendwo zusammengesessen.

FRAU. Wo war das?

MANN. Was interessiert dich das?

FRAU. Ich will nur die Wahrheit wissen. (Beiseite.) Wozu brauche ich die Wahrheit? Ich will sie gar nicht wissen. So lange ich nichts weiß, muss ich auch keine Wahl treffen. So lange nichts hörbar gesagt wurde, ist nichts passiert. Und warum soll ich wissen, wo, mit wem und wie er diese Stunden verbracht hat, was er ihr gesagt hat und wie er sie liebkost hat? Nein, nein, er hat einfach einen mit Freunden gehoben. Oder sogar mit diesem Inspektor. Kommt immer wieder vor. Man muss sich zusammen nehmen. Weiter keinerlei Fragen. (Zum Mann.) Nun sag doch mal im Ernst, wo warst du denn nun?

MANN. Ich verstehe dich nicht ganz. (Beiseite.) Was ich wirklich nicht verstehe, ist, wie konnte es passieren, dass ich ein eigentlich nicht ganz dummer und seriöser Mann, ein geachteter Mitarbeiter, plötzlich die Rolle eines Blödians spiele. Warum soll ich irgendetwas erklären, etwas ausdenken oder mich für etwas rechtfertigen?

FRAU. Ich warte.

MANN. Auf was?

FRAU. Deine Erklärungen. (Beiseite.) Ich konnte es doch nicht lassen, ihn auszufragen. Und alles wegen der doofen Eigenliebe. Ich bin sieh mal einer an stolz: Ich möchte nicht, dass sie über mich lachen. Sie sollen nur nicht denken, dass man mich so leicht betrügen kann. Haben etwa diese fadenscheinigen Gründe mehr Macht über mich als die Sorge um die Familie und die Kinder? Und wenn er nun plötzlich wirklich mit der Wahrheit herausrückt dieser verfluchten Wahrheit, die ich überhaupt nicht hören will?

MANN. (Beiseite.) Und wenn ich ihr nun alles, wie es ist auf den Kopf zu sage? Du willst die Wahrheit? Hier schlucke sie. Ich war mit einer Soundso, machte mit ihr du weißt schon selbst was. Mir geht das alles so auf den Docht, dass es schon nicht schlimmer werden kann. Letzten Endes muss man sich behaupten. Sie muss wissen, was sie darf und was nicht. Was ich will, das mache ich auch. Sie verlässt mich ja doch nicht. Jetzt gehe ich zu ihr hin und sage es. (Geht zur FRAU.) Wo ich war? Habe etwas im Restaurant gesessen. Welche Erklärungen brauchst du noch? (Beiseite.) Erbärmlicher Feigling.

FRAU. Gut, lassen wir dieses Gespräch. (Sie macht sich wieder ans Bügeln und wirft ab und zu einen Blick auf den Mann. Beiseite.) Er lächelt. Wahrscheinlich erinnert er sich an ihre Küsse... Ich möchte ihn erschlagen. (Wie eine Besessene macht sie mit erhobenem Bügeleisen ein paar Schritte in Richtung des Mannes.)

MANN. (Er lächelt wirklich, aber sein Lächeln ist nicht fröhlich. Beiseite.) Ich erinnere mich, als ich so fünf Jahre alt war, waren wir in dem Dorf , wo wir auf der Datsche waren, in einer halbdunklen Scheune. Die kleinen Jungen warfen sich von einem ganz hohen Balken furchtlos hinunter in das Heu. Ich war der kleinste und hatte Angst, selbst zu springen. Deshalb kletterte ich auf den Balken und wartete, dass mich einer schubst. (Das Lächeln auf seinem Gesicht erlöscht.) Es sieht so aus, als ob ich auch jetzt warte, dass mich jemand schubst.

FRAU. (Ist wieder zu sich gekommen. Setzt das Bügeleisen ab und geht vom Mann weg.) Und mit wem warst du im Restaurant?

MANN. (Beiseite.) Wieder!

FRAU. (Beiseite.) Wieder. Ich kann mich nicht beherrschen. Was bin ich bloß für eine dumme Pute?

MANN. Mit wem? (Beiseite.) Wovor habe ich Angst? Wo kann sie denn hin mit zwei Kindern? Jetzt schlage ich mit der Faust auf den Tisch und sage (schreit zornig.): Du willst wissen, wo ich war? Mit einem Weib! In einem Hotelzimmer! Und ich bereue nichts, verstanden? Und wenn du dich an mich hängst, gehe ich morgen noch einmal. Ich gehe und komme nicht wieder, ist das klar?

(Zur FRAU, gereizt.) Mit wem, mit wem... Ich habe dir gesagt: mit dem Inspektor von der Zentrale. Er ist ein geselliger Kerl. Weißt du, was heute im Fernsehen kommt?

FRAU. Nein. Du hättest ihn zu uns nach Hause einladen können.

MANN. Das habe ich gemacht, aber er hat sich geniert.

FRAU. Da verstehe ich was nicht, einmal ist er gesellig, dann geniert er sich wieder....

Sie bleibt dem Mann gegenüber stehen und betrachtet ihn, als ob sie ihn zum ersten Mal sähe. Aus ihrem Blick spricht Verwunderung. Beiseite.

Was zwingt mich, an diesem Menschen festzuhalten? Liebe? Man soll sich nicht selbst belügen. Gewohnheit? Nein wahrscheinlich die ewige verdammte Furcht einer Frau, allein zu bleiben. (Geht zum Bügeleisen zurück.) Es ist besser man ist Wachfrau, Putzfrau und Packesel, aber für jemanden, als ein freier Mensch, aber allein. Selbst das Wort Allein ist wie ein Gebrechen. Es ist wie ein Schandmal, ein Zeugnis der Zweitklassigkeit. Wenn ich nur erfahren könnte, wer sie ist...

(Zum Mann.) Was stellt der Inspektor so dar? Früher war von ihm überhaupt nicht die Rede und jetzt kommt er fast jede Woche angereist.

MANN. (Unwillig.) Inspektor ist Inspektor. (Beiseite.) Wozu musst du wissen, wer oder was sie ist, dass sie jünger oder älter als du bist und um wie viele Jahre. Das hilft nicht weiter.

FRAU. (Beiseite.) Ich möchte wissen, was er an ihr gefunden hat.

MANN. (Beiseite.) Sie ist überhaupt nicht besser, klüger oder schöner als du. Ihr einziger Vorzug ist die Neuheit. Sie ist noch nicht bis zum letzten erforscht und ausgeschöpft. Sie hat noch nicht einen Haufen ständiger Vorwürfe gegen mich, und die Beleidigungen haben sich noch nicht eingekerbt. Wir wollen voneinander nicht viel und deshalb geben wir leicht dieses Wenige: etwas Abwechslung, ein bisschen Wärme... Das ist einfach und dringend nötig,

FRAU. Und wie heißt er?

MANN. Wer?

FRAU. Der Inspektor.

MANN. Warum interessiert er dich so? (Legt das Jackett und die Krawatte ab.) Setz lieber Teewasser auf.

FRAU. Gut (Beiseite.) Ich bringe solche Schwermut über ihn, dass er morgen gleich wieder zu ihr rennt, sogar wenn er es nicht vor hatte (Stellt alles für den Tee zusammen.) Man müsste sich anders benehmen, aber ich kann mich einfach nicht zurückhalten. (Zum Mann.) Wirst du morgen wieder später kommen ?

MANN. Morgen? Nein, morgen komme ich wahrscheinlich pünktlich. (Beiseite.) Ich versuche, mich mit ihr am Tage zu treffen.

FRAU. (Beiseite.) Wie er perfekt lügt! Wie er sich überhaupt verändert hat! Und wie ich mich verändert habe! Ich wurde eine trockene, langweilige nervende (Geht zum Spiegel.) Und wie ich gealtert bin. Vielleicht verlässt er mich wirklich und geht zu ihr? Alles, was wir geschaffen haben - die Familie, der einfache Komfort, der Freundeskreis - alles für die Katz?

MANN. (Beiseite.) Ich weiß was du am meisten fürchtest, dass ich sie heirate, Aber das wird nicht geschehen, auch wenn ich es sehr möchte. Schon allein, weil sie einen Mann hat, von dem sie sich auf keinen Fall scheiden lassen will. Sie scheint an ihn gebunden zu sein, obwohl sie ihn schon gehörig satt hat. Eins schließt das andere nicht aus. (Zieht die Schuhe aus.)

FRAU. Wenn man wüsste, wann er die Wahrheit sagt und wann nicht.

MANN. (Beiseite.) Aber die Hauptsache ist, dass ich nicht die geringste Absicht habe, wieder zu heiraten (Zieht die Hausschuhe an.) Ein Mann ist ein freier Jäger, die Ehe ist nicht für ihn geschaffen. (Streckt sich gemütlich auf dem Sofa aus.) Die Frauen sind dafür geschaffen, verheiratet zu sein, die Männer - um Junggesellen zu bleiben. Darin liegt das Problem. Die Ehe widerspricht unserem biologischen Wesen. Diese Wahrheit ist nicht neu, aber jeder erkennt sie erst durch den eigenen Verstand. Genauer gesagt, er muss es am eigenen Leib erfahren. Eine Apfelblüte kann kein Apfel werden durch Ratschläge und Belehrungen: Der Apfel reift selbst heran. Jetzt war ich an der Reihe, und ich bin gereift.

FRAU. (Beiseite.) Irgendwie erinnere ich mich jetzt, wie er mir seine Liebeserklärung gemacht hat. Es war nicht im Frühling und es sangen keine Nachtigallen, sondern in einer kalten Winternacht, irgendwo außerhalb. Wir gingen unter dunklen Tannen über einen schneeweißen Weg im Mondschein. Er hielt mich an der Hand und stammelte etwas unvorstellbar Zusammenhangloses, wobei er bei jedem Wort stotterte... Endlich schwieg er und platzte heraus: Ich liebe dich. Dumm altmodisch und wunderbar... Mir lief gleich eine Gänsehaut über den Rücken....

Die Musik von oben hört abrupt auf.

MANN. (Blickt nach oben.) Sie hat ausgespielt.

FRAU. Ihr Mann ist gekommen.

MANN. (Beiseite.) Ja. Ich bin jetzt klüger geworden. Es ist nur schade, dass wir zu spät klüger werden, wenn alle Fehler, die man machen kann, schon gemacht sind. Ich habe schon eine Glatze, Neurose, habe es mit der Leber und habe Familienglück. Es gibt kein Zurück. (Zur FRAU, wütend.) War es nicht so, dass ich Tee haben wollte?

FRAU. Ich habe ihn schon fertig. (Beiseite.) Wie oft er mich jetzt ohne Anlass anschreit. Woher kommt nur die Bosheit in ihm? Und warum so plötzlich?

Von oben hört man Lärm und das Klirren von zerbrechendem Geschirr.

MANN. Was, haben die schon wieder Streit?

FRAU. Scheint so. (Stellt die Tassen und den Zucker auf den Tisch.) Wir sind mit unserem Gespräch gar nicht zu Ende gekommen.

MANN. Worüber?

FRAU. Du wolltest erzählen, wie du den Abend verbracht hast.

MANN. (Beiseite.) Erzähle ich es oder nicht? Ich bin ja schon zu dem Schluss gekommen, dass ich, wie es scheint, nichts zu befürchten habe. Natürlich wird es Tränen, Seufzer, Vorwürfe und all das geben. Und überhaupt man weiß nicht wie das ausgeht...

FRAU. (Gießt Tee ein. Beiseite.) Es wird Zeit, den Kopf aus dem Sand zu nehmen und sich nicht mehr vor dem Unausweichlichen drücken zu wollen. Wenn er gehen will, soll er gehen. Für mich ist das letzten Endes eine Frage der Bequemlichkeit und der Eigenliebe, weiter nichts. Ich werde es überleben.

MANN. (Beiseite.) Ich weiß, wovor ich Angst habe. Sie kann natürlich nirgendwo hin, das ist wahr, aber ich wenn ich ehrlich bin ich weiß auch nicht, wo ich hin soll. Und unser gemeinsames Leben wird durch meine Geständnisse auch nicht angenehmer. Jetzt haben unsere Beziehungen einen Riss, wenn auch sagen wir es ehrlich einen breiten. Und es wird ein Abgrund. Den kann man nicht mehr bemänteln oder drüber springen.

FRAU. (Beiseite.) Wer weiß, vielleicht ist mein eigenes Leben noch nicht zu Ende. Und wenn es zu Ende ist, dann ist es eben zu Ende. Man muss Würde bewahren. Ich bin eine Frau. Man muss aus dieser Höhle kriechen und Überblick gewinnen.

MANN. (Beiseite.) Nehmen wir mal an, ich breite alles offen vor ihr aus. Was bringt das? Bis jetzt bin ich bloß länger auf Arbeit geblieben, und - hast du nicht gesehen macht sie es morgen auch... Sogar nur mir zum Trotz. Erst kürzlich, beim Geburtstag, hat sich dieser Brillenmensch an sie herangemacht. Was ist dann?

FRAU. (Beiseite.) Wenn ich wüsste, was er jetzt denkt...

MANN. (Beiseite.) Was dann? Mir ist es eigentlich gleich, soll sie doch schlafen, mit wem sie will. Aber trotzdem, unserem Familienbund ist das auch nicht zuträglich. Und außerdem, mir ist es doch nicht egal.

Von oben hört man Stöhnen und unterdrücktes Schluchzen.

MANN. (Lauscht.) Ich versteh das nicht. Schlägt er sie etwa?

FRAU. Ich weiß nicht.

Pause.

Warum sagst du nichts? (Beiseite.) Jetzt wird er sagen, dass es nichts gibt, worüber er mit mir reden kann.

MANN. (Zuckt die Schultern.) Worüber soll ich sprechen?

FRAU. Gibt es denn nichts, Du warst doch einen ganzen Tag nicht da.

MANN. (Beiseite.) Immer in die gleiche Kerbe. Man könnte denken, dass sie sich sehr nach mir gesehnt hat.

FRAU. (Beiseite.) Jeden Abend weiß er nicht, worüber er mit mir reden soll. (Zum Mann.) Du weißt jeden Abend nicht, worüber du mit mir reden sollst.

MANN. (Beiseite.) Weil die Gespräche schon lange ihren Sinn verloren haben.

FRAU. (Beiseite.) Er hat nicht einmal Gewissensbisse.

MANN. (Beiseite.) Gespräche bringen nichts. Heute zum Beispiel, habe ich sie sozusagen betrogen und ich habe keinerlei Gewissensbisse. Wenn es einem Menschen zu Hause zu kalt ist, hat er das Recht, sich an anderer Stelle zu wärmen. Aber hat es Sinn, sich zu diesem Thema über unsere Beziehungen auseinanderzusetzen? Ich frage dich, warum du so kalt und nicht liebevoll bist? Und du gähnst als Antwort und sagst: Was willst du denn, ich bin doch sehr liebevoll. Ich habe wieder vergessen, Salz mitzubringen, kannst du noch mal in den Supermarkt gehen?

FRAU. (Beiseite.) Werden wir wirklich weiter so schweigen?

MANN. (Beiseite.) Und was wäre, wenn man einfach mal menschlich miteinander sprechen würde. Es kann doch nicht ewig so weitergehen... (zur FRAU.) Hör mal...

FRAU. (Fährt zusammen.) Ja?

MANN. (Schweigt ein bisschen.) Nein, es ist nichts. (Nimmt die Zeitung.)

FRAU. (Beiseite., bitter.) Ich brauche so wenig. Zwei, drei zärtliche Worte, ein Körnchen Aufmerksamkeit und ein Tröpfchen Ehrlichkeit... Aber er : Es ist nichts. (Sie wirft sich ungestüm zum Mann und schüttelt ihn an den Schultern, ihre Worte klingen aber immer noch abseits.) Hörst du, warum bist du ein Fremder?

MANN. (Legt die Zeitung weg.) Wieder nichts Interessantes. Die Zeitungen sind fürchterlich langweilig geworden. Sie machen uns Angst und verderben die Laune. Wolltest du etwas sagen?

FRAU. Ich habe gerade noch daran gedacht: wir bekommen jetzt Besuch.

MANN. Wen?

FRAU. Die Nachbarn über uns.

MANN. (Schaut nach oben, dann auf die Uhr und schüttelt den Kopf.) So spät? Wozu?

FRAU. Einfach so. Sie sagen, dass sie bei uns die Seele baumeln lassen können.

MANN. (Erhebt sich mit einem Seufzer und legt die Krawatte an.) Sie haben sich immer noch dauernd in den Haaren?

FRAU. Ja, alles beim alten. (Räumt die Wäsche und das Bügeleisen weg und richtet ihre Frisur.)

MANN. Und wir streiten uns niemals.

FRAU. Wir beiden streiten uns fast nie. (Stellt Wein und Blumen auf den Tisch.)

Es klingelt an der Tür. Der MANN legt den Arm um die Schultern der FRAU. Auf ihren Gesichtern erscheint ein lebensfrohes Lächeln.

MANN. (Frisch.) Kommt rein. Es ist offen!

 

 

Ende des Dramoletts Wir streiten niemals