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Valentin Krasnogorov

 

 

PELIKANE IN DER WÜSTE

Drama in einem Akt

 (aus dem Zyklus „Kleine Tragödien“)

 

Aus dem Russischen von Slata Kozakova (Greifswald, Deutschland)

 

 

 

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                                    Ich gleiche dem Pelikan der Wüste, bin wie die Eule der Einöden.

                                    Ich wache, und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

 

                                               Bibel, Psalm 102, 6-7.

 

 

 

 

 

 

 

 

Handelnde Figuren:

 

Mann

Frau

Arzt

Gast

Mann in dunkler Brille

Seine Gefährtin

Alte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Die Einrichtung  ̶ chaotisch verteilte Wohngegenstände: Ein Tisch, Stühle, ein breites unordentliches Bett, Kühlschrank, Gasherd, Telefon, Kleiderschrank, Wandschirm. Diese verschiedenartigen Gegenstände sind konzeptlos im leeren Bühnenraum aufgestellt und lassen sich auf keine geordnete Planung zurückführen. Im Bühnenhintergrund  steht Rodins Skulptur „Der ewige Frühling“: ein entblößtes Mädchen in der Umarmung eines Jünglings. Im tiefen schäbigen Sessel sitzt die ALTE. Ihre ausgetrocknete, bewegungslose Figur ist kaum bemerkbar. Neben ihr steht ein kleiner Tisch mit Medikamenten.

 

Hinter dem Wandschirm kommt eine attraktive Frau im bunten Hausmantel. Sie geht zum Telefon, nimmt es auf das Bett mit und wählt eine Nummer.

 

FRAU. Hallo, Lora. Wo warst du denn? Ich rufe dich zum wievielten Mal an... Nichts ist passiert. Er muss aber bald kommen. Ich habe dir ja noch nicht das Wichtigste erzählt: Heute wird er mir einen Antrag machen. Wenn du nur gesehen hättest, wie er mich beim letzten Mal angeschaut hat... Na gut, ich muss noch den Kuchen zu Ende backen und mich zurechtmachen. Ich ruf dich später an.

 

            Sie legt den Hörer auf, geht zum Backofen, schaut nach dem Kuchen, breitet eine Tischdecke aus, geht schließlich ‒ nur in Unterwäsche gekleidet ‒ zum Spiegel und betrachtet aufmerksam das eigene Spiegelbild. Dann nimmt sie wieder den Hörer ab.

 

Ich bin′ s. Ich weiß nicht, welches Kleid ich anziehen soll. Er ist gleich da, und ich bin noch nicht angezogen. Welches Abendkleid? Das shwarze mit dem Ausschnitt? Das denk ich auch. Natürlich bin ich aufgeregt. So viele Jahre allein, und jetzt... Es dreht sich alles im Kopf.

 

            Sie legt den Hörer auf, lässt das Telefon auf dem Bett und eilt zum Backofen, ohne das Kleid angezogen zu haben. Aus dem Bett kommt ein unrasierter Mann in Unterhosen zum Vorschein, der die Decke von sich wirft und sich zum Telefon ausstreckt.

 

MANN. Hallo! Ist das die Klinik? Ich rufe wegen des Hausbesuchs an. Nummer hundertsiebenunddreißig. Ist alles in Ordnung? Hat sich nichts geändert? Danke.

 

            Der Mann legt den Hörer auf, streckt die Hand zu seinen Hosen aus, die auf der Stuhllehne hängen, legt sich nach einem Blick zur Uhr jedoch wieder auf das Bett und starrt teilnahmslos zur Decke. Währenddessen kehrt die FRAU vom Backofen zurück, holt aus dem Schrank ein Paar Schuhe und ein schwarzes Abendkleid heraus, nimmt aus einer Schatulle eine Perlenkette und macht sich sorgfältig vor dem Spiegel fertig. Die ALTE nimmt ein Album mit alten Fotografien in die Hände und betrachtet sie, lächelt traurig und schüttelt den Kopf. Die FRAU hat sich angezogen und deckt den Tisch. Sie geht wieder vor den Spiegel und schaut dann skeptisch das Porzellan, das  Silber und Kristallglas auf dem Mittagstisch an.

Sie nimmt den Telefonhörer.

 

FRAU. Lora, ich bin′ s wieder. Vielleicht hätte ich das schwarze Kleid nicht anziehen sollen? Stehen tut es mir schon gut, aber… Da kommt einer für ein intimes Gespräch, und ich hab mich herausgeputzt wie für einen feierlichen Empfang... Das alles soll wie von alleine passieren, und so bekommt er den Eindruck, dass ich mich den ganzen Tag lang drauf vorbereitet habe. Kuchen, Sekt, Perlen... Du bist auch der Meinung? Richtig. Irgendwas Einfacheres, aber anziehender.

 

            Kaum hat die FRAU den Hörer aufgelegt, ergreift ihn sofort der MANN.

 

MANN. Hallo! Die Klinik? Ich rufe wegen dem Hausbesuch an. Nummer hundertachtunddreißig. Ist alles in Ordnung? Hat sich nichts geändert? Danke.

 

            Der MANN zieht Hose und Hemd an und bekommt ein einigermaßen anständiges, aber schlampiges Aussehen. Die FRAU zieht sich langsam um. Die ALTE will ein Fläschchen mit Medizin nehmen, aber ihre Hände gehorchen ihr schlecht und sie lässt das Fläschchen auf den Boden fallen. Ein ordentlich gekleideter, älterer Mann kommt schwer keuchend herein. Nach zwei-drei Schritten sinkt er mit einem Stöhnen auf den Fußboden. Der MANN stürzt sich besorgt zu ihm.

 

Hallo!

 

            Der ältere Mann antwortet nicht. Der MANN prüft den Puls des Liegenden, greift nach einer Spritze auf dem Medizintisch der ALTEN und macht eine Injektion. Die FRAU räumt den Sekt und das Kristallglas vom Tisch. Der Angekommene öffnet die Augen.

 

Geht es Ihnen besser?

BESUCHER. Danke. Kein Grund zur Sorge.

MANN. Was haben Sie?

BESUCHER. Ach nichts. Asthma, Radikulitis, die Leber. Fünfter Stock, nicht zum ersten Mal. Der Aufzug ist defekt, das Herz auch. Jedenfalls bedanke ich mich vielmals. Er steht auf und schüttelt dem Mann die Hand. 

MANN. Wer sind Sie?

BESUCHER. Hausbesuch. Neunzehn Uhr, Nummer hundertsiebenunddreißig.

MANN. Sie sind also der Arzt?

ARZT. Sehe ich nicht aus wie einer? Die Quittung bitte.

 

            Der MANN wühlt in den Hosentaschen und holt die Quittung raus.

 

Alles richtig. Peter... Wie ist Ihr Nachname?

MANN. Peter.

ARZT. Das ist der Vorname. Und der Nachname?

MANN. Einfach Peter. In der Klinik wurde mir gesagt, Hauptsache, ich zahle vor, und dann kann ich mich so nennen wie ich will.

ARZT. Na gut, dann eben Peter. Mit ist es wirklich egal. (Schwankt und hält sich an der Tischkante fest.) 

MANN. Ist Ihnen wieder schlecht?

ARZT. Ach was. Der Puls – neunzig, der Blutdruck – zweihundert, das Alter – siebzig. Ich bin es gewohnt. (Fällt auf das Bett.)

MANN. (Mit einem Medikament und einem Glas Wasser.) Eine Tablette?

ARZT. Mit Vergnügen. (Schluckt die Tablette.) Merci. Erlauben Sie mir, zu Atem zu kommen, jetzt ist es noch fünf vor sieben.

 

            Die ALTE versucht aufzustehen, um das hingefallene Fläschchen aufzuheben, kann ihren gelähmten Körper aber nicht vom Sessel lösen. Die FRAU zieht ein schlichtes Hauskleid an, guckt in den Spiegel und ruft vom Telefon an.

 

FRAU. Falle ich dir noch nicht auf die Nerven? Nein, er ist noch nicht da. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll. Ob ich ihn liebe? Schwer zu sagen, wir haben uns ja vor kurzem kennengelernt. Eins weiß ich sicher: Ich möchte ihn lieben. Überhaupt möchte ich lieben... Geliebt zu sein, das auch, aber Hauptsache  ̶  zu lieben. Ich will für ihn leben. Ich werde ihn mit so viel Sorge umgeben... Das kann man nicht wiedergeben. Ich werde ihm seine Hausschuhe in den Zähnen bringen. Nein, er wird kommen. Du kannst es dir nicht vorstellen, wie ich an ihn glaube. (Legt den Hörer auf und wählt sofort wieder die Nummer.) Hör mal, ich hab ja das Wichtigste nicht gesagt: Ich habe das Kleid umgezogen, die Blumen und den Sekt weggestellt, und es ist sofort so trist und alltäglich geworden. Er wird vielleicht von mir denken, dass ich gar nicht warte. Und auch ich sehe so aus... Soll ich vielleicht das weiße anziehen? Weiß  ̶  das ist immer schön. Ja-ja, natürlich.

 

            Sie legt den Hörer auf, stellt die Blumen wieder auf den Tisch, holt aus dem Schrank ein weißes Kleid aus und zieht sich um. Es kommt ein Paar herein  ̶  ein MANN in dunkler Brille und seine Gefährtin.

 

GEFÄHRTIN. Warte eine Minute hier.

MANN IN DUNKLER BRILLE. Geh bitte nicht weg.

GEFÄHRTIN. Sitz still, ich komme gleich. (Verschwindet hinter dem Wandschirm.)

 

            Der MANN IN DUNKLER BRILLE setzt sich und erstarrt in einer angespannten Haltung.

 

ARZT. (Liegt auf dem Bett.) Neunzehn Uhr. Ich höre Ihnen zu.

MANN. Sehen Sie...

ARZT. (Unterbricht.) Übrigens, nein. Nehmen Sie bitte zuerst aus meiner Tasche das Stethoskop heraus. Danke. Jetzt ziehen Sie das Hemd aus. Beugen Sie sich zu mir rüber. Genau so. Atmen Sie. (Hört den Patienten im Liegen ab.) Verfluchtes Herz... Nein, nicht ihres, meins. Bei Ihnen ist alles in Ordnung. Was fehlt Ihnen denn eigentlich?

MANN. Gar nichts.

ARZT. (Setzt sich vor Erstaunen hin.) Was heißt denn „gar nichts“? Wozu haben Sie denn einen Arzt bestellt, und dazu noch einen privaten?

MANN. Ich werde gleich versuchen, es Ihnen zu erklären...

ARZT. Sie brauchen nichts zu erklären. Sagen Sie einfach, tut Ihnen was weh oder nicht?

MANN. Verstehen Sie...

ARZT. Ja oder nein?

MANN. Ja.

ARZT. Was genau?

MANN. Die Seele.

ARZT. Hätten Sie auch gleich sagen können. (Steht auf und schließt seine Tasche zu.) Wenn die Seele weh tut, soll man einen Psychiater bestellen, keinen Therapeuten. Auf Wiedersehen. Ich habe es eilig.

MANN. Sie scherzen. Ich habe so auf Ihren Besuch gewartet... Bleiben Sie, ich bitte Sie.  

ARZT. Fällt mir nicht ein. (Geht entschlossen in Richtung Tür, bleibt aber plötzlich stehen und klammert sich an Herz.) Och... (Sinkt auf den Stuhl.)

MANN. Noch eine Tablette?

ARZT. Ich würde ein Gläschen Cognac bevorzugen.

MANN. Moment...

 

            Der MANN gießt Cognac ein und reicht ihn weiter. Der MANN IN DUNKLER BRILLE macht einige unruhige Bewegungen, steht dann auf, als ob er irgendwohin aufbrechen würde, setzt sich aber wieder hin und erstarrt.

 

ARZT. (Trinkt den Cognac aus.) Fünf Sterne. Sechsundvierzig Grad. Ich bin wieder zwanzig Jahre alt. Merci. Und auf Wiedersehen.

MANN. Sie gehen trotzdem?

ARZT. Selbstverständlich.

MANN. (Versperrt ihm den Weg.) Ich lasse Sie nicht gehen.

ARZT. Interessant, wie das denn?

MANN. Nach den Regeln Ihrer Klinik muss der Arztbesuch nicht weniger als dreißig Minuten lang dauern, wenn der Kranke es verlangt. Ich habe nachgefragt. Wenn Sie jetzt gehen, werde ich mich beschweren.

ARZT. (Seufzt und setzt sich.) Na gut, dann raus damit, was haben Sie.

MANN. Kann man denn alles, was einen quält, in einer Viertelstunde erzählen?

ARZT. Erzählen Sie nur das Allerwichtigste.

MANN. Das Allerwichtigste... Das Allerwichtigste... Doktor, das Allerwichtigste  ̶  mir ist alles widerwärtig geworden.

ARZT. Was genau?

MANN. Alles. Der Dienst, die Straßen, die Menschen... Ich kann nicht Fernsehen gucken, ich mache kein Radio an und lese keine Zeitungen.

ARZT. Na und?

MANN. Wundert Sie das nicht?

ARZT. Nein.

MANN. Und erregt das kein Mitgefühl?

ARZT. Soll ich Ihnen irgendwas Beruhigendes verschreiben?

MANN. Ich weiß, was Sie denken: Übermüdung, Depression, Stress, Neurose und die ganzen medizinischen Spielchen. Aber ich bin völlig gesund.

ARZT. Was wollen Sie denn von mir?

MANN. Mitgefühl.

ARZT. Gehört das auch zu den Regeln der Klinik?

MANN. Das gehört zu den Pflichten jedes Arztes.

ARZT. Na gut, ich bemitleide Sie. Und jetzt wollen wir Ihnen mal den Blutdruck messen.

MANN. (Ungeduldig.) Wozu?

ARZT. Meine Pflicht. Sie haben so gut unsere Regeln studiert, Sie müssten es wissen.

 

            Holt das Gerät  und misst den Blutdruck trotz der Proteste seitens des Mannes.

 

FRAU. (Telefoniert.) Lora, er ist immer noch nicht da. Irgendwas muss passiert sein, ich bin mir sicher... Ja, ich hab das weiße an, aber das ist jetzt egal. Hauptsache, er kommt. (Legt den Hörer ab, geht nervös in der Wohnung umher und legt Sachen von einem Platz auf den anderen um.)

ARZT. (Legt das Gerät zusammen.) Der Blutdruck ist in Ordnung. Einfach ausgezeichnet. Ich beneide Sie ungemein.

MANN. Ich hab doch gesagt, dass man ihn nicht zu messen braucht.

ARZT. Wir alle machen eine Vielzahl unnötiger Sachen.

MANN. Jetzt, wo alle Formalitäten erledigt sind, könnten Sie mir endlich zuhören?

ARZT. Und wie wäre es mit einer Überweisung ins Laboratorium oder zum Facharzt?

 

            Der MANN macht eine ungeduldige Geste.

 

Ich sage das, weil ich keine Zeit mehr zum Schreiben haben werde, wenn die halbe Stunde um ist.

MANN. Doktor, können Sie sich mit mir menschlich unterhalten? Denn schließlich habe ich dafür Geld bezahlt, Teufel noch mal!

ARZT. (Schließt ruhig die Tasche.) Ich höre. (Pause. Der ARZT guckt auf die Uhr.)

Warum schweigen Sie denn?

MANN. Ihre Gleichgültigkeit bringt mich um.

ARZT. Es sind noch vier Minuten. Wenn Sie etwas zu sagen haben, beeilen Sie sich...

MANN. (Nervös.) Ich kann mich nicht konzentrieren... Hab den Faden verloren...

ARZT. Sie haben aufgehört, genauer, Sie haben damit angefangen, dass Ihnen alles verhasst ist.

MANN. Ach ja... Genau... Das ist das Allerwichtigste. Alles ist widerwärtig geworden. Das muntere Lächeln. Tadellose Anzüge. Geld, Geld, Geld... Alles ist verhasst.

ARZT. Alles?

MANN. Alles.

ARZT. Quatsch. Ich glaube Ihnen nicht.

MANN. Wie Sie wollen.

ARZT. Sagen Sie, ist Ihnen der Geruch des Waldes widerwärtig, eines sommerlichen Kiefernwaldes an einem sonnigen Tag?

MANN. Der Geruch des Waldes? Natürlich nicht.

ARZT. Der Geschmack eines guten Kaffees?

MANN. Nein.

ARZT. Sind Ihnen vielleicht schöne Frauen widerwärtig? Oder Feldblumen? Musik von Mozart? Sie schweigen? Was zum Teufel denken Sie denn, dass Sie von allem enttäuscht sind?

MANN. Gut. Dann ist mir nicht alles zuwider. Dann eben Vieles. Es kommt nicht darauf an.

ARZT. Ja, es kommt nicht darauf an. Soll ich Ihnen sagen, worauf es ankommt?

MANN. Ich versuche schon seit einer geschlagenen halben Stunde, Sie dazu zu bringen.

ARZT. (Schaut auf die Uhr.) Die übrigens abgelaufen ist. (Steht auf.)

MANN. Aber Sie haben mir doch versprochen zu sagen...  

ARZT. Nächstes Mal. Alles Gute.

MANN. Nein, Sie können nicht einfach so gehen!

ARZT. Lieber Peter, Ihre Zeit ist um. Es tut mir sehr leid. (Nimmt seine Tasche.)

MANN. (Stellt sich in den Weg.) Und dennoch müssen Sie mich noch ein bisschen ertragen.

ARZT. Der nächste Patient wartet.

MANN. Aber der nächste Patient bin ich.

ARZT. (Guckt im Notizblock.) Welche Zeit?

MANN. Sieben Uhr dreißig.

ARZT. Der Nachname?

MANN. Paul.

ARZT. Warum Paul, wenn Sie doch Peter sind? Ach, übrigens ist es mir völlig egal. Die Quittung bitte.

MANN. (Reicht die Quittung.) Hundertachtunddreißig.

ARZT. (Vergleicht im Notizblock.) Alles richtig. Was tut Ihnen weh?

MANN. Nichts. Ich...

ARZT. Ziehen Sie das Hemd aus, ich horche Ihr Herz ab.

MANN. Aber Sie haben doch gerade...

ARZT. Lieber Paul, das war die Nummer hundertsiebenunddreißig, und jetzt ist es die Nummer hundertachtunddreißig.

MANN. Aber ich bin doch sowohl der eine wie der andere...

ARZT. Atmen Sie. (Horcht das Herz ab.)

FRAU. (Am Telefon.) Er ist nicht da. Ich kann nicht zur Ruhe kommen... Ja, ich weiß, dass man da    nichts machen soll. Ich weiß, es ist besser, nicht zu warten... Aber ich kann nicht mehr. Tut mir leid, ich störe dich die ganze Zeit... Ich versuche, mich zusammenzureißen. (Legt den Hörer auf.)

ARZT. Und jetzt gucken wir nach Ihrem Blutdruck.

MANN. Doktor, spielen Sie nicht den Narren. Wir verschwenden wieder unnütz Zeit.

ARZT. Ich bitte Sie, stören Sie mich nicht. (Misst den Blutdruck.)

 

            Die gelähmte ALTE versucht wieder, an das Fläschchen mit Medizin heranzukommen. Der MANN IN DUNKLER BRILLE rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Es kommt ein attraktiver MANN mit einer Weinflasche und einem Blumenstrauß herein.

 

GAST. Darf ich?

FRAU. (Glaubt ihren Augen nicht.) Sie?!

GAST. Haben Sie nicht auf mich gewartet? Ich habe doch versprochen. Haben Sie es vergessen?

FRAU. Natürlich habe ich es nicht vergessen!... Ich habe sehr gewartet... Das heißt, nicht gewartet, aber... Kommen Sie doch rein, was stehen Sie...

GAST. (Reicht den Wein und die Blumen.) Das ist für Sie.

FRAU. Ach wozu... Vielen Dank. Ein wunderschöner Strauß.

GAST. Wie liebreizend Sie in diesem Kleid sind. Eine richtige Braut. Übrigens möchte ich Ihnen sagen... (Nach einer Pause.) Sind Sie allein hier?

FRAU. Ja.

GAST. Wohnen Sie überhaupt alleine?

FRAU. Ja.

GAST. Sehr nett und gemütlich. Diese Gardinen sind einfach herrlich. Sie haben einen guten Geschmack.

FRAU. (Verlegen.) Ich mache den Tee.

GAST. Gestatten Sie mir, Ihnen zu helfen.

 

            Sie gehen zum Herd. Die FRAU gießt Wasser in die Teekanne ein, der GAST entkorkt die Flasche, hilft, die Tassen zu nehmen usw.

 

ARZT. (Legt das Gerät zusammen.) Der Blutdruck ist in Ordnung. Einfach hervorragend. Wenn ich in Ihrem Alter wäre.

MANN. Doktor, um Himmels Willen, hören Sie auf. Ich möchte lebendige Worte hören. Sie haben mir doch versprochen zu sagen...

ARZT. (Unterbricht.) Ja-ja, ich weiß. Aber gucken Sie sich erst mal an. Ein unrasiertes, zerzaustes, Gott weiß wie gekleidetes Geschöpf. Und Ihre Wohnung? Wie das Nest einer Spinne, die in ihrem eigenen Spinnennetz klebengeblieben ist. Im Grab ist es gemütlicher. (Geht zum Herd.) Ich bin mir sicher, dass Sie Ihren Tee im Topf kochen, in dem sie vorher Fisch gekocht haben, und die Frikadellen spießen Sie auf eine verrostete Gabel auf und machen sie direkt über dem Herd warm. Haben Sie überhaupt Frikadellen im Haus? (Öffnet den Kühlschrank.) Natürlich ist es leer hier. Lieber Paul, man soll nicht so tief sinken. (Betrachtet weiter skeptisch die Wohnung.)

FRAU. Könnten Sie eine Zitrone aus dem Kühlschrank holen.

GAST. (Öffnet den Kühlschrank.) Oho! Soviel Leckeres haben Sie hier! Sie sind eine umwerfende Hausfrau!

FRAU. Ach was... Ich bin es nur gewohnt, alles Nötige im Haus zu haben. (Will die Zitrone nehmen. Der GAST hält sie an der Hand fest. Die FRAU senkt die Augen.) Ich muss die Zitrone schneiden.

GAST. Ich werde das selbst machen.

FRAU. (Befreit ihre Hand.) Ich werde dann den Tisch decken.

 

            Die FRAU breitet eine schneeweiße Tischdecke aus, stellt Blumen, Kristallgläser, Sekt usw. auf. Der MANN breitet am anderen Ende eine Zeitung aus und stellt eine Flasche Cognac mit einem Stück Brot und Wurst hin.

 

MANN IN DUNKLER BRILLE. (Unruhig.) Wo bist du? Du hast doch gesagt, dass du gleich kommst. (Nach einer Pause.) Warum antwortest du nicht?

MANN. (Trinkt seinen Cognac aus.) So, Sie finden, dass ich gesunken bin. Aber ich steige auf. Die Frage ist, was man für hoch, was man für tief  hält. Früher habe ich mir Ihre albernen Ziele gesetzt, das Wichtigste davon allen zu gefallen. Den Frauen, den Vorsetzten, der Menschenmenge. Und ich hatte Ihre innigsten Träume Geld, Berühmtheit, Macht. Und ich hatte Ihre Sorgen. Aber jetzt bin ich darüber hinaus. Ja, ich war schon lange nicht mehr beim Frisör und trage löchrige Schuhe, aber ist es denn so wichtig, ob Einstein sich rasiert hat oder in welchen Schuhen Christus nach Golgatha ging?

ARZT. Was streben Sie denn jetzt an?

MANN. Ich versuche, wirklich zu leben. (Gießt noch Cognac ein.) Sich nicht für Kleinigkeiten einzuwechseln, sich nicht zu krümmen.

ARZT. Und klappt das?

MANN. Ich weiß nicht. Noch habe ich erst die Hälfte des Weges erreicht. Ich begehe keine Gemeinheiten, mache aber auch nichts Gutes. Ich habe hingeschmissen, was ich hasse, habe aber nicht das gefunden, was ich will. Habe mich von denen getrennt, die mir fremd waren, aber nicht die gefunden, die mir nahe werden würden.

ARZT. Das ist auch der Grund Ihrer Melancholie. Sie sind einsam, mein Freund, und Sie lieben die Einsamkeit nicht. Nun sind Sie so weit gekommen, dass Sie sich für die letzten Groschen einen bezahlten Gesprächspartner bestellen.

MANN. Ich verheimliche es nicht, ich brauche einen Freund.

ARZT. Eine Frau.

MANN. Ja, eine Frau. Aber nicht irgendeine, sondern die Einzige.

ARZT. Sie suchen ein Ideal?

MANN. Keineswegs. Soll sie doch mit Unebenheiten, Kratzern und scharfen Kanten sein. Aber diese Kanten müssen mit meinen Kerben  zusammenfallen.

ARZT. Gibt es sie, diese mit Ihnen verwandte Seele?

MANN. Es gibt sie, aber wie soll man sie unter den Millionen finden? Je komplizierter das Schloss, desto schwieriger ist es, einen passenden Schlüssel zu finden.

ARZT. Und die Schlussfolgerung?

MANN. Lassen Sie uns trinken.

 

            Sie trinken schweigend. Die FRAU und ihr GAST sind auch am Tisch. Der GAST öffnet den Sekt und gießt ihn in die Gläser.

 

FRAU. Worauf trinken wir?

GAST. Auf die Begegnung!

FRAU. Auf die Begegnung!

GAST. Darauf, dass sich alle Ihre Wünsche erfüllen.

FRAU. Wollen Sie Torte oder Kuchen?

GAST. Ein Stück Kuchen. Sie haben ihn ja selbst gemacht.

FRAU. (Etwas kokett.) Dann nehme ich die Torte. Die haben ja Sie mitgebracht.

GAST. Danke. (Schaut sich das Zimmer an.) Und wer wohnt nebenan?

FRAU. Keiner. Ich lebe hier alleine.

GAST. Wunderbar. Also sind Sie sich selbst die Herrin. Haben Sie denn nicht manchmal Langeweile?

FRAU. Nicht nur Langeweile, sondern auch Angst.

GAST. Wovor sollten Sie Angst haben?

FRAU. Was weiß ich... Wenn ich zum Beispiel krank werden, um Hilfe rufen sollte und mich keiner hört.

GAST. Na-na, machen Sie den Kopf von diesen Gedanken frei. Lassen Sie uns lieber nochmal trinken.

FRAU. Ich bin nicht an Wein gewöhnt.

GAST. Manchmal kann man sich auch etwas gönnen. (Erhebt das Glas.) Auf Ihre Schönheit und Ihren Charme.

Sie trinken.

Tanzen Sie?

FRAU. Ein bisschen.

GAST. Wollen wir vielleicht etwas Langsames anmachen? Aber zuerst noch ein Toast. Auf Sie. Na-na, stellen Sie das Glas nicht hin, trinken Sie zu Ende. Ja so.

 

            Sie trinken. Die FRAU macht Musik an und tanzt mit dem GAST. Die gelähmte ALTE rutscht auf den Boden und streckt sich zum Fläschchen aus, das in eine unerreichbare Entfernung ‒ auf zwei oder drei Meter ‒ weggerollt ist. Die Tanzmelodie läuft weiter, langsam, melancholisch.

 

MANN. (Macht noch einen Schluck.) Wissen Sie, woran ich jetzt denke? Vielleicht sinke ich wirklich. Sie sagen, meine Hose ist ungewaschen und meine Wohnung vernachlässigt. Aber wozu soll ich sie aufräumen? Für wen soll ich mich rasieren?

ARZT. Für sich selbst.

MANN. Nein-nein, nicht im Ernst. Wie man das auch drehen mag, aber jeder von uns, sogar der unerträglichste Egoist, lebt für die Anderen. Wir erwarten von ihnen Liebe und Hilfe und wollen selber lieben und helfen. Selbst der letzte Schurke braucht Menschen wenigstens dafür, um ihnen Schurkereien anzustellen. Und neben mir ist keiner, verstehen Sie?

 

            Die ALTE streckt sich weiter nach der Medizin aus.

 

ARZT. Ich verstehe. Ich bin auch einsam.

MANN. Nein, Sie verstehen das nicht. Sie haben eine Frau, Kinder...

ARZT. Eine Frau ist die schlimmste Art von Einsamkeit.

MANN. Und die Kinder?

ARZT. Wenn man über siebzig ist, beginnt man zu zweifeln, ob die Kinder oder überhaupt irgendwer in der Welt einen braucht. Jetzt geh ich zum Beispiel von Ihnen und falle vielleicht irgendwo auf der Treppe hin... Und denken Sie, dass jemand nach mir suchen wird?

MANN. Dann sollte man vielleicht aufhören?

ARZT. Aufhören, womit?

MANN. Na... Mit dem Treppensteigen...

ARZT. Und was dann? (Schweigt eine Weile.) Ach nein, ich mache lieber weiter.

MANN. Werden Sie müde?

ARZT. Und was denken Sie? So viele Leute, und jeder hat seine eigene Geschichte. Aber fahren Sie fort. Sie haben nicht dafür Geld bezahlt, um mir zuzuhören.

MANN. Doktor, wollen Sie nicht noch einmal zu mir kommen? Irgendwann mal, einfach so...

ARZT. Würde ich mit Vergnügen... Aber die Arbeit... Von acht bis drei, von vier bis neun...

MANN. Na sehen Sie.

ARZT. Was soll man machen.

MANN. Früher empfand ich die Einsamkeit als lästig, weil ich etwas für mich wollte. Sorge, Wärme. Warum auch immer dachte ich, dass ich ein Recht darauf habe. Jetzt möchte ich selbst jemandem die Hand reichen. Ich möchte für irgendwen irgendwer sein. Aber keiner braucht mich. Keiner.

 

            Die ALTE lässt die Versuche, die Medizin zu erreichen und bemüht sich erfolglos, zurück in den Sessel zu steigen. Und die Musik läuft weiter.

 

Es gibt doch sicherlich irgendwen, der mich braucht. Aber wo ist er, dieser Jemand, wo? Von diesen Gedanken werde ich verrückt. Ganze Tage lang sitze ich auf dem Bett, schaukle hin und her wie ein chinesischer Glücksbringer und wiederhole wo, wo, wo?

MANN IN DUNKLER BRILLE. Wo, wo bin ich? (Steht auf.) Bist du noch nicht da? (Schweigen.) Gibt es hier irgendwen? (Er versucht, ein paar Schritte zu machen, stößt sich jedoch gegen den Tisch, bleibt stehen und streckt flehend die Hände aus.) Helft mir, ich sehe doch nichts. Versteht ihr, was das heißt, nicht zu sehen? (Auf der Bühne und im Saal geht das Licht aus. Die Stimme des Blinden erschallt in völliger Dunkelheit.) Ich frage euch ‒ wenn es hier nur irgendwen gibt ‒ versteht ihr, was Dunkelheit und Ungewissheit heißt? (Schweigen.) Ihr werdet fragen ‒ warum ich rede, wenn keiner da ist. Für mich ist aber stets keiner und nichts da. Oder irre ich mich vielleicht? (Schweigen.) Sagt, seid ihr da? (Bekommt keine Antwort und geht langsam zu seinem Platz, stößt sich gegen die Möbel. Mit dem ersten Wort der FRAU geht wieder Licht an.)

FRAU. (Hört auf zu tanzen.) Mir ist schwindlig. Wollen wir uns wieder an den Tisch setzen?

GAST. (Umarmt weiter die Taille der FRAU.) Nein, die ganze Zeit am Tisch das ist... abwechslungslos. Mir gefällt es mehr, so zu stehen, Ihre Nähe zu spüren...

FRAU. (Versucht sich zu befreien.) Lasst uns lieber über irgendwas unterhalten.

GAST. Wir haben uns schon genug unterhalten. Ich denke, wir werden auch andere Beschäftigungen finden. (Umarmt die FRAU immer beharrlicher.)

FRAU. Ich fürchte, Sie haben zu viel getrunken.

GAST. Ich bin absolut nüchtern.

FRAU. Ich bitte Sie, gehen wir zum Tisch zurück.

GAST. (Mit einem Lacher.) Ich bevorzuge andere Möbel. (Schleppt die fassungslose FRAU zum Bett.)

FRAU. Was tun Sie? Lassen Sie los!

GAST. (Grob.) Hör auf mit den Faxen. Haben genug Etikett gespielt, es reicht.

FRAU. Lassen Sie los!

GAST. Spiel dich nicht wie eine Jungfer auf.

FRAU. (Macht sich los.) So bist du also! Verschwinde!

GAST. Zuerst krieg ich das, wozu ich gekommen bin.

FRAU. (In Verzweiflung.) Und wozu bist du gekommen?

GAST. Weißt du selber, bist doch kein Kind. (Tritt nah zu ihr ran.)

FRAU. Ich bitte dich, lass das.

GAST. Und wozu hast du mich eingeladen?

FRAU. Fass mich nicht an! Ich werde schreien!

GAST. Wer wird es hören? (Reißt ihr das Kleid herunter.)

FRAU. Hilfe! Helft mir doch, irgendwer!

 

            Der MANN und der ARZT schlürfen melancholisch Cognac. Die ALTE liegt hilflos auf dem Boden einige Zentimeter vom Fläschchen entfernt. Der BLINDE geht einige Schritte nach vorn. Mit seinem ersten Wort versinkt die Bühne und der Saal in Dunkelheit.

 

BLINDE. Wozu hast du das gemacht? Wozu hast du mich allein gelassen? (Man hört seine unsicheren, stolpernden Schritte.) Wo ist der Ausgang? Wenn es hier irgendwen gibt, so helft mir! Ist es denn so schwer zu sagen, ob es einen Ausgang gibt? Oder seht ihr einander auch nicht? Oder gibt es euch gar nicht? Sagt gibt es euch?

 

            Der BLINDE verstummt. Das Licht geht an und auf der Bühne ist weder der BLINDE noch der ARZT noch der GAST zu sehen. Der MANN sitzt einsam an gleicher Stelle am Tisch mit einem Schnapsglas in der Hand. Die ALTE zappelt am Boden. Die FRAU liegt im Bett. Das Telefon klingelt. Die FRAU nimmt den Hörer ab. Ihre Stimme ist farblos und leer.

 

FRAU. Ja. Natürlich, ich bin′s. Nichts ist passiert. Du irrst dich. Nein. Er ist nicht gekommen. Ich sage der, auf den ich gewartet habe, ist nicht gekommen. Ich weiß nicht. Ich denke, nie.

 

            Während die Frau spricht, trinkt der MANN die Flasche zu Ende, zieht das Hemd und die Hose aus und steigt auf das Bett, legt sich jedoch nicht hin, sondern bleibt sitzen, schaukelt mechanisch hin und her und wiederholt immer das gleiche Wort.

 

Du brauchst mich nicht zu trösten, ich bin absolut ruhig. Ich habe längst mitgekriegt, dass mich keiner braucht und keiner brauchen wird. Man muss der Wahrheit ins Gesicht schauen. Vielleicht gibt es IHN auf der Welt, aber ich werde ihn nie mehr treffen. Du bist nicht einverstanden? Dann antworte mir auf eine einfache Frage wo ist er?

MANN. (Schaukelnd.) Wo?... Wo?... Wo?...

 

Und in dem „Ewigen Frühling“ sind der Jüngling und das Mädchen jung, biegsam, erfüllt mit Leben und Liebe ‒ weiterhin in einer unzertrennbaren Einheit von Seelen und Körpern vereint.

 

 

Ende