Valentin Krasnogorov

 

 

 

 

 

 

Eine alltägliche Geschichte

 

Dramolett

 

 

 

 

Aus dem Russischen von Renate Lange

 

 

 

 

 

 

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Handelnde Personen:

 

Mann

Frau

 

 

 

 

 

Eine Küche in einer modernen Wohnung. Eine junge Frau deckt den Tisch für das Abendbrot. Es klingelt an der Tür. Die Frau geht gemächlich zur Tür, öffnet und kommt zurück. Ihr folgt ein Mann. Er trägt Taschen mit Gemüse, Brot und anderen Lebensmitteln.

 

ER. Ich habe alles gekauft, was du gesagt hast.

SIE. (gibt ihm eine Schmatz auf die Wange.) Danke. Packe alles in den Kühlschrank . Aber zieh erst die Hausschuhe an.

Er stellt die Taschen auf den Boden, zieht die Schuhe aus, steckt mit gewohnter Bewegung die Füße in die Hausschuhe und verteilt die Einkäufe in die Fächer des Kühlschranks.

SIE. Wollen wir gleich Abendbrot essen oder willst du dich erst ausruhen?

ER. (gibt ihr ebenfalls einen Schmatz.) Lieber gleich. Ich bin irgendwie hungrig.

SIE. Dann wasche dir die Hände.

Er zieht das Jackett aus und wäscht sich die Hände.

SIE. (Schneidet Brot, stellt Teller auf den Tisch u.a.) Bist du fertig?

ER. Ja, ich bin fertig

SIE. Setz dich.

Er setzt sich an den Tisch,

SIE. Wie geht es dir, nicht besser?

ER. Nicht besser, aber auch nicht schlechter.

SIE. Wie war es auf Arbeit?

ER. Wie immer.

SIE. (gibt das Essen auf.) Du hörst dich nicht sehr fröhlich an.

ER. Ich bin so wie immer

SIE. Willst du ein Gläschen Wein?

ER. Ja gern.

SIE. (holt den Wein.) Bring mal den Flaschenöffner

ER. Liegt er dort, wo er immer liegt?

SIE. Ja.

Er holt den Flaschenöffner und kommt zurück.

ER. (beim Öffnen der Flasche.) Wo ist dein Glas?

SIE. Ich trinke nicht.

ER. Warum

SIE. Ich möchte nicht.

ER. Was ist mit dir?

SIE. Nichts.

ER. Ehrlich?

SIE. (lächelnd.) Wirklich, nichts.

ER. Dann gieße ich dir trotzdem ein. (er holt noch ein Glas und füllt es mit Wein.)

Worauf trinken wir?

SIE. Dass es dir gut gehen möge.

ER. Einverstanden.

Er trinkt. Sie stellt das Glas ohne zu trinken auf seinen Platz zurück. ER. macht sich mit Appetit ans Essen.

Mein Lieblingssalat

SIE. Ich weiß. Schmeckt er dir?

ER. Na und ob!

SIE. Ich freue mich sehr (gießt ihm Wein ein.)

ER. (hebt das Glas.) Und jetzt trinken wir darauf, dass es dir gut geht.

SIE. Ja, trink!

Er trinkt. Sie lässt den Wein unberührt.

Darf ich dir Heißes auffüllen?

ER. Na Klar. Na, was gibt es bei dir Neues?

SIE. Das Kleid.

ER. Ja? Und ich habe es nicht bemerkt?

SIE. Ich wusste, dass du es nicht bemerken wirst.

ER. Nun steh doch mal auf, dreh dich um. Ein grandioses Kleid! Ich gratuliere. Das ist natürlich eine sehr wichtige Neuigkeit.

SIE. Es gibt noch eine. Wir bekommen ein Kind.

ER. Ja? Das ist natürlich auch sehr wichtig. (hört auf zu kauen.). Warte mal... Na wiederhole das noch mal.

SIE. Hast du es etwa nicht gehört?

ER. Wir bekommen ein Kind?

SIE. Ja

ER. Ist das wahr?

SIE. Ja, es ist wahr.

ER. (strahlt.) Das ist ja wunderbar! (Er springt auf, fasst sie bei den Händen und wirbelt sie durchs Zimmer.)

SIE. (lachend.) Lass mich los!

ER. Um nichts auf der Welt!

SIE. Hast du den Verstand verloren! Vorsichtig!

ER. (hält an und stellt sie auf den Boden.). Verzeih, Ich habe doch vergessen, dass man jetzt mit dir vorsichtig umgehen muss.

SIE. Nicht mit mir, sondern mit dem neuen Kleid. Auf mich braucht man noch keine Rücksicht zu nehmen.

ER. Warst du beim Arzt?

SIE. Noch nicht.

ER. Weißt du es genau? Hast du dich nicht geirrt?

SIE. Nein. Freust du dich?

ER. Natürlich. Aber du etwa nicht?

SIE. Setz dich und iss, das Essen wird kalt.

ER. Aus diesem Anlass muss man tatsächlich einen trinken. (gießt Wein ein.)

SIE. Trink!

ER. Wir trinken zusammen.

SIE. Ich darf jetzt doch nicht mehr.

ER. Ach ja...Dann werde ich auch nicht trinken. (stellt das Glas hin.) Was möchtest du - einen Jungen oder ein Mädchen?

SIE. Und du?

ER. Nur einen Jungen. Du weißt doch, dass ich einen Sohn will. Wie sehr möchte ich einen Sohn!

SIE. Wenn Junge, dann eben Junge.

ER. Und er müsste nach mir kommen.

SIE. Gewöhnlich kommen Jungen nach der Mutter.

ER. Ich weiß, aber gib dir nur mal Mühe.

SIE. Klar. Freust du dich wirklich?

ER. Ich bin einfach glücklich. Ich bin doch sehr kinderlieb.

SIE. Ich weiß.

ER. Das Bewusstsein, dass es in der Welt noch ein Teilchen von mir geben wird...das ist äußerst angenehm.

SIE Ja, es ist angenehm.

ER. Das ganze Leben wollte ich ein Kind mit der geliebten Frau.

SIE. (lächelnd.) Dann geht dein Traum nicht so bald in Erfüllung.

ER. Warum?

SIE. Erstens, müsstest du dich erst einmal in jemanden verlieben. Zweitens müsstest du es schaffen, sie nicht fallen zu lassen, wenigstens für neun Monate.

ER. Ist das ein leichter Vorwurf?

SIE. Nein, nur ein Scherz.

Pause

Willst du Tee?

ER. Ja, eine kleine Tasse.

SIE. Ich gieße ihn gleich auf. Willst du ihn, wie immer stärker?

ER. Dieses Mal lieber schwach. Sonst kann ich schlecht schlafen.

SIE. Apropos, vergiss nicht, deine Tablette zu schlucken. (gibt ihm die Arznei.)

Sie gießt den Tee auf. Er sieht flüchtig auf die Uhr.

SIE. Musst du nicht nach Hause?

ER. Noch nicht.

SIE. Wenn du gehen musst, dann gehe lieber. Ich möchte nicht, dass du wegen mir nervös wirst.

ER. Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich später komme.

SIE. (stellt die Tasse vor ihm auf den Tisch.) Trink.

ER. Danke.

SIE. Isst du noch?

ER. Ach nein .

SIE. Dann räume ich ab.

Sie räumt den Tisch ab.

ER. Nun was willst du machen?

SIE. Was meinst du damit?

ER. Mit dem Kind.

SIE. Nichts. Oder willst du, dass ich etwas mache?

ER. Nein, ich habe nur gefragt.

SIE. Du brauchst dir über gar nichts Sorgen zu machen. Das sind meine Probleme, nicht deine.

ER. Es geht nicht um meine Sorgen.

SIE. Ich wollte es dir überhaupt nicht sagen.

ER. Das kannst du sowieso nicht verheimlichen.

SIE. Na ja...noch ungefähr zwei Monate hättest du nichts gemerkt.

ER. Und danach?

SIE. Niemand weiß, was danach kommt.

Lange Pause.

Du bis ins Grübeln gekommen?

ER. Und du vielleicht nicht?

SIE. Ich grüble schon seit langem.

ER. Und zu welchem Schluss bist du gekommen?

SIE. Soll ich den Wein wegräumen oder Stehen lassen?

ER. Lasse ihn erst einmal stehen.

SIE. Möchtest du dazu Zitrone oder Gebäck?

ER. Nein danke. Ach bringe es doch. Oder nein, bring es lieber nicht. Ich weiß nicht. Das ist eine verteufelt schwierige Frage.

SIE. Nach der Zitrone?

ER. Nein, nicht nach der Zitrone.

SIE. Es scheint, als ob du traurig wirst.

ER. Kann sein.

SIE. Das ist meine Schuld. Verzeih mir bitte.

Pause.

ER. Weiß er es?

SIE. Nein

ER. Wann sagst du es?

SIE. Wenn er aus dem Urlaub kommt, lasse ich noch ein bisschen Zeit vergehen und dann sage ich es.

ER. Ich möchte wissen, wie er es aufnimmt.

SIE. Ich weiß nicht. Ich denke, er wird sich freuen.

ER. Wird ihm das nicht seltsam vorkommen?

SIE. Man muss es eben so machen, dass es nicht seltsam aussieht.

ER. Danke für die Information. (mit finsterem Blick gießt er sich Wein ein.)

SIE. Oder willst du, dass ich das nicht tue?

ER. Ich will gar nichts. (trinkt.) Du hättest mich mit den unnötigen Einzelheiten verschonen können.

SIE. Und du hättest nicht nach ihnen fragen müssen.

Sie macht sich ans Geschirrspülen. Pause.

ER. Streng dich nicht an. Ich wasche ab.

SIE. Es sind doch nur drei Teller.

ER. Jetzt musst du mehr Obst essen.

SIE. Warum?

ER. Der Kleine braucht Vitamine.

SIE. Dafür zu sorgen, ist noch zu zeitig.

ER. Warum?

SIE. Es kann noch viel passieren.

ER. Du hast doch entschieden, nichts zu unternehmen.

SIE. Ich habe nichts entschieden.

ER. Wo wird das Bettchen stehen?

SIE. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.

ER. Am besten zwischen Schrank und Fenster.

SIE. Vom Fenster zieht es.

ER. Dafür ist da viel Licht. Ein Kind braucht Sonne.

SIE. Wir werden das später entscheiden. Es ist noch unklar, ob ich hier wohnen werde.

Pause.

ER. Du willst dich von ihm scheiden lassen?

SIE. Willst du, dass ich mit ihm ewig lebe?

ER. Soll ich die Gläser abtrocknen oder zum Trocknen stehen lassen?

SIE. Trockne sie ab, aber vorsichtig.

ER. Allein wirst du es schwer haben.

SIE. Danke für die Offenheit.

ER. Du verstehst doch meine Schwierigkeiten.

SIE. Hab keine Angst, ich habe nicht die Absicht, dich von ihr zu trennen.

ER. Jeden ernsten Schritt muss man ernsthaft durchdenken.

SIE. Ich kann nicht mehr mit ihm leben.

ER. Du hast gesagt, dass er kein schlechter Mensch ist.

SIE. Er ist einfach wunderbar. Aber ich liebe ihn nicht.

ER. So etwas kommt vor.

SIE. Und was noch schlimmer ist, ich liebe einen anderen.

ER. Das kann vorübergehen.

SIE. Bei mir nicht.

ER. Du wirst gleich den Teller fallen lassen.

SIE. Ich habe gedacht: er kommt zurück und ich schlage ihm sofort vor, auseinander zu gehen. Ja, und nun kommt er morgen

ER. Und was wirst du ihm sagen?

Pause.

Ich zerstöre dein Leben.

SIE. Sag keinen Blödsinn!

ER. Das sind ganz vernünftige Worte.

SIE. Ich bin ein erwachsener Mensch.

ER. Was heißt das?

SIE. Ich selbst zerstöre mein Leben.

ER. Wenn ich nicht wäre, hättest du eine ganz normale Familie.

SIE. Ich will keine normale Familie.

ER. Wenn es mich nicht gäbe, würdest du sie wollen.

SIE. Wir wollen nicht im Kaffeesatz lesen.

ER. Was wirst du ihm nun morgen sagen?

SIE. Wahrscheinlich, nichts.

ER. Warum?

SIE. Jetzt habe ich nicht nur für mich zu entscheiden.

ER. Andere, die Kinder haben, lassen sich auch scheiden.

SIE. Du hast vergessen, wie wenig ich verdiene.

ER. Er wird dir doch zahlen.

SIE. Du willst, das ich von ihm Geld nehme für dein Kind?

ER. Verzeih, ich habe geredet ohne zu denken. Apropos,...ist es sicher, dass es mein Kind ist?

Sie antwortet ihm mit einen erstaunten und vorwurfsvollen Blick.

Verzeih, ich habe das wieder gesagt, ohne zu denken.

SIE. Ist schon gut, ich verdiene solche Fragen.

ER. Sei nicht böse.

SIE. Außerdem weiß ich nicht, wo ich mit dem Baby wohnen werde.

ER. Ich denke, er hat genug Anstand auszuziehen.

SIE. Aber ich habe nicht genug Unverfrorenheit, ihn hinauszujagen.

ER. Ich verstehe.

SIE. Doch es geht letzten Endes nicht um Geld oder Wohnen.

ER. Worum, denn?

SIE. Das Kind braucht eine normale Familie.

ER. Kinder wachsen auch ohne Vater auf.

SIE. Ich bin selbst ohne Vater aufgewachsen.

ER. Na, siehst du.

SIE. Deshalb möchte ich, dass mein Kind einen Vater hat.

ER. Mit anderen Worten, du hast dich entschieden, dich nicht von ihm zu trennen.

SIE. Du möchtest, dass ich mich von ihm trenne?

Pause.

ER. Ich weiß nicht, was ich möchte.

SIE. Ich weiß, was ich will, aber was habe ich davon? Ist dir recht, dass ich mich mit dir berate? Ich habe niemanden anders.

ER. So oder so. Es muss etwas entschieden werden.

SIE. Ich weiß.

ER. Man muss alle Varianten durchgehen. Schließlich gibt es nicht so viele.

SIE. Insgesamt drei.

ER. Offensichtlich ist die erste - weiter mit ihm zusammen zu leben.

SIE. Ich würde mit dir vorziehen.

ER. Du verstehst meine Schwierigkeiten.

SIE. Ehrlich gesagt, nicht sehr.

ER. Wir haben schon manchmal darüber gesprochen.

SIE. Mit andren Worten, diese Variante ist für dich nicht annehmbar.

ER. Zumindest zur Zeit.

SIE. Bleibt die letzte Variante – allein leben. Siehst du, wie schnell man alles zu Zweit entscheiden kann.

ER. Aber wir haben doch geklärt, dass du nicht allein mit dem Kind leben kannst.

SIE. Es gibt noch eine vierte Variante – überhaupt nicht leben.

ER. Du machst doch Witze.

SIE. Natürlich mache ich Witze.

ER. Vielleicht ist es in einer solchen Situation besser, wenn man gar kein Kind bekommt?

SIE. Und was ist dann?

ER. Dann gibt es wieder drei Varianten.

SIE. Die wieder ebenso schnell auf eine hinauslaufen.

ER. Wenigsten kannst du dann frei werden.

SIE. Und du möchtest wirklich, dass ich frei wäre?

ER. Ich möchte, dass du glücklich wärst.

SIE. Allein?

Pause

Wie ist es jetzt bei euch zu Hause?

ER. Schlimm.

SIE. Also wie immer.

ER. Schlimmer.

SIE. Ahnt sie etwas?

ER. Kann sein. Aber darum geht es nicht.

SIE. Worum geht es dann?

ER. Darum. Dass sie mir ein fremder Mensch ist. In den vergangenen Monaten ist mir das sonnenklar geworden.

SIE. Was wird nun werden?

ER. Ich weiß nicht. Ich könnte heulen wie ein Schlosshund. (Gießt sich Wein ein.) So ist es eben.

Pause.

ER. Wie schnell ein Monat verflogen ist.

SIE. Ja.

ER. Und jetzt beginnt alles von vorn.

SIE. Ja.

ER. Wieder wissen wir nicht, wo wir uns treffen können.

SIE. Ja.

ER. Und wieder wirst du immer keine Zeit haben.

SIE. Ja.

ER. Kommt er morgen Abend?

SIE. Ja.

ER. Das bedeutet, dass ihr in der nächsten Nacht schon zusammen sein werdet.

Sie schweigt.

Ehrlich gesagt, ich bin rechtschaffen müde.

SIE. Ich auch.

ER. Ich habe die Begegnungen wie auf der auf der Flucht satt.

SIE. Ich auch.

ER. Ich habe genug von der Furcht vor fremden Leuten.

SIE. Ich auch.

ER. Ich habe das Doppelleben satt.

SIE. Ich auch.

ER. Ich kann mich selbst nicht mehr leiden.

SIE. Willst du, dass ich ihn morgen verlasse?

Pause.

ER. Das musst du selbst entscheiden.

SIE. Ich werde es schon selbst entscheiden. Aber willst du das oder nicht?

ER. Ich weiß nicht.

SIE. Liebster, sage mir dass du das willst. Das verpflichtet dich zu nichts.

ER. Ich würde das gern sagen, aber.

SIE. Gib mich frei.

ER. Du gehst von ihm, und was dann?

SIE. Was dann auch geschehen mag, dich betrifft es nicht.

ER. Das kann nicht sein, das muss mich betreffen. Denn letzten Endes stehst du mit leeren Händen da.

SIE. Das braucht dich nicht zu beunruhigen. Komm einmal in der Woche zu mir, das ist dann alles.

ER. Dir wird es nicht leicht werden.

SIE. Mir wird es sehr gut gehen. Ich werde nur Dein sein.

ER. Aber ich werde nicht dein sein.

SIE. Wenn einmal in der Woche für dich zu viel ist, dann kommst du eben einmal in zehn Tagen oder einmal im Monat. Wie oft du willst. Ich muss nur wissen, dass du mich brauchst.

ER. Und das Kind?

SIE. Mit ihm wird es mir leichter, verstehst du nicht:

ER. Und schwieriger auch.

SIE. Mach dir keine Sorgen. Ich werde nichts von dir fordern.

ER. Du hast ein Recht darauf.

SIE. Über Rechte und Pflichten müssen wir nicht sprechen. Sag mir lieber: Brauchst du mich?

ER. Ja. Ich brauche dich. (Nach kurzem Schweigen.) Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß nicht.

SIE. Genau das wollte ich von dir hören.

ER. Bist du beleidigt?

SIE. Nein.

ER. Verstehst du, irgendetwas ist in mir zerbrochen.

SIE. Ich weiß.

ER. Wahrscheinlich bin ich zu dir nicht mehr so wie früher.

SIE. Ich weiß.

ER. Ich bin sehr müde.

SIE. Das hast du schon gesagt.

ER. Früher wollte ich so gern bei dir sein, aber mir tat es leid, die Familie zu verlassen.

SIE. Ich weiß.

ER. Jetzt tut mir nichts mehr leid, aber ich will auch nichts.

SIE. Ich weiß.

ER. Die Familie ist sowieso kaputt. Sowohl deine als auch meine. Ich hab dir gegenüber eine riesengroße Schuld.

SIE. Du liebst mich einfach nicht mehr. Wo ist da die Schuld?

ER. Ich liebe dich noch.

SIE. Wenn schon „Noch“, dann braucht man nicht mehr lange zu warten.

ER. Vielleicht. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich bin ich zur Liebe schon nicht mehr fähig. Nur zu irgendeiner Halbliebe. Verzeih.

SIE. Wofür? Wenn jemand schuld ist, dann bin ich es selbst. Ich habe geschwankt, gewartet, betrogen, dich und mich gequält und alles verdorben.

ER. Quäle dich nicht mit unbegründeten Vorwürfen.

SIE. Du bist für mich das Allerwichtigste auf der Welt. Und ich verliere dich. Und ich bin selbst schuld. Jetzt weiß ich, ich hätte von Anfang an alles stehen und liegen lassen müssen, um nur für dich zu leben. Allein bleiben, dich, wenn auch selten sehen, aber dein sein. Dann wäre alles ganz anders.

ER. Vielleicht. Wie alles sich so absurd und so unerfreulich entwickelt hat.

Pause. Er gießt sich Wein ein.

SIE. Entschuldige, wieder will ich was klarstellen und du magst das nicht. Musst du nicht gehen?

ER. Schon lange.

SIE. Ich gehe ein Stück mit dir, einverstanden?

ER. Das musst du nicht. Du bist müde.

SIE. Ich muss jetzt sowieso jeden Tag spazieren gehen. Warte, ich ziehe mich an. (Sie kämmt sich vor dem Spiegel.)

ER. Hör mal, vielleicht könntest du doch nicht das Kind bekommen?

SIE, Liebster, ich habe keine Wahl.

ER. Warum?

SIE. Darum.

ER. Und trotzdem warum?

SIE. Weil die Ärzte gesagt haben: jetzt oder nie.

ER. Du warst doch noch nicht bei den Ärzten.

SIE. Sie haben mir das schon vor längerer Zeit gesagt.

ER. Das heißt, dass du überhaupt gar nix machen kannst?

SIE. Ja, ich kann nix machen.

ER. Warum hast du das angezettelt?

SIE. Bringe mir bitte meine Schuhe.

ER. Oder ist es zufällig passiert?

SIE. Nein mit Absicht. Ich wollte es so.

ER. Dann verstehe ich dich nicht.

SIE. Bringe bitte die Schuhe.

ER. Du hast dich selbst in die Sackgasse gejagt.

SIE. Ich weiß.

ER. Und wenn du es weißt, wozu hast du dich darauf eingelassen?

SIE. Verstehst du das wirklich nicht?

ER. Ich verstehe es nicht.

SIE. Mir ist vor kurzem plötzlich klar geworden, dass ich dich verliere. Oder schon verloren habe. Noch eine Woche, einen Monat vielleicht und wir gehen auseinander.

ER. Ich sehe noch nicht den Zusammenhang.

SIE. Weil du keine Frau bist.

ER. Das kann man nicht bestreiten

SIE. Versteh´ doch mal - du wirst bald nicht mehr bei mir sein, aber dein Ebenbild bleibt auf immer bei mir. Ist das vielleicht kein Ausweg?

ER. Du bist verrückt.

SIE. Selbst wenn ich dich nie mehr sehen werde, sind wir für das ganze Leben miteinander verbunden.

ER. Das wirst du noch bereuen.

SIE. Niemals

ER. Für dich wird es sehr schwer werden.

SIE. Dafür ist jemand und etwas da, wofür ich lebe.

ER. Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.

ER. Es ist nicht notwendig, etwas zu sagen.

Pause. ER. gibt ihr die Schuhe, sie zieht sie an, aber gleich wieder aus.

SIE. Weißt du, ich gehe doch lieber nicht mit. Ich bin wirlich müde. Bist du nicht böse?

ER. Natürlich nicht.

SIE. Morgen kommt mein Mann,,,, Weißt du, ich muss dir sagen.... (hält inne.)

ER. Was musst du sagen?

,SIE. Vieles. Und ich schaffe es sowieso nicht. Verstehst du, für mich hat alles seinen Sinn verloren außer die Treffen mit dir. Unsere Zänkereien, kindischen Gespräche - alles das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass es dich gibt. Gestern hast du einen Handschuh vergessen, und habe den ganzen Abend dagesessen und ihn an mein Gesicht gepresst, weil er den Duft deiner Hände bewahrt hatte.

ER. Du bist ja so eine Liebe.

SIE. Und morgen kommt er...Der einzige Trost ist, dass wir beide, du und ich, einen Sohn haben werden.

ER. Und ich kann mich jetzt sogar darüber nicht freuen.

SIE. Warum?

ER. Weil mein Sohn nicht bei mir sein wird. Vielleicht werde ich ihn niemals sehen.

SIE. Das kann sein.

ER. Ich nehme ihn niemals auf den Arm, er wird mich niemals drücken... Selbst sein Name wird ein fremder Name sein.

SIE. Das ist schrecklich.

ER. Was kann man da machen.

SIE. Du musst gehen.

Er zieht das Jackett an.

Du siehst schlecht aus.

ER. Du auch. (Küsst sie.) Ich gehe. Hebe keine schweren Sachen. Schone dich.

SIE. Vergiss nicht, deine Tabletten einzunehmen.

ER. Gehe viel an die Luft.

SIE. Geh.

 

 

Ende des Dramoletts „Eine alltägliche Geschichte“