Valentin Krasnogorov

 

 

 

 

 

 

Das vertagte Rendezvous

Dramolett

 

 

 

 

Aus dem Russischen von Renate Lange

 

 

 

 

 

 

 

 

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Handelnde Personen:

 

Sergei

Inna

 

 

 

Zimmer im Haus von Inna, Inna ist allein, sie liest ein Buch. Es klingelt an der Tür. Inna geht öffnen und kommt zurück.

SERGEJ. Guten Abend.

INNA. Guten Abend. Wir gehen doch gleich ins Bad?

SERGEJ. Ins Bad? Warum?

INNA. Dort tropft es. Ich habe Ihnen das doch am Telefon gesagt, als ich sie bestellt habe. Ich freue mich sehr, dass sie gleich heute kommen konnten.

SERGEJ. Das hört man gern, aber.. ich muss Ihnen sagen, Sie haben nicht mich angerufen.

INNA. Sie sind doch der Klempner?

SERGEJ. Nicht wirklich.

INNA. Und wer sind Sie dann? (Schaut den Ankömmling zum ersten Mal aufmerksam an.)

SERGEJ. Erkennst du mich?

INNA. (Leise.) Oh, mein Gott. Sergej?

SERGEJ. Habe ich mich denn so verändert?

INNA. Nein, gar nicht sehr. Ich habe einfach nicht erwartet dich zu sehen, und dann noch hier. Woher kommst du denn geschneit?

SERGEJ. Vom Mond.

INNA. (Misstrauisch.) Was willst du?

SERGEJ. Der Empfang ist nicht sehr liebenswürdig.

INNA. Und wie soll man ungebetene Gäste denn empfangen?

SERGEJ. Jedenfalls nicht so wütend.

INNA. Hast du erwartet, dass ich dir um den Hals falle?

SERGEJ. Warum eigentlich nicht?

INNA. Du hättest dich wenigstens ankündigen können.

SERGEJ. Ich bezweifle, dass ich dann eine Einladung bekommen hätte.

Pause.

Inna, vielleicht bietest du mir doch einen Sitzplatz an.

INNA. Ist das notwendig?

SERGEJ. Ich verstehe das nicht. Fürchtest du dich etwa vor mir?

INNA. Nein, ja kann sein, ich fürchte mich.

SERGEJ. Wovor?

INNA. Ich weiß nicht. Und ich werde mich so lange fürchten, bis ich weiß, warum du plötzlich aufgetaucht bist. So lange Zeit hat man von dir nichts gesehen und gehört und plötzlich „Guten Abend“.

SERGEJ. Im Leben finden viele Begegnungen zufällig statt.

INNA. Du weißt, dass ich verheiratet bin?

SERGEJ. Ja.

INNA. Und dass ich einen Sohn habe?

SERGEJ. Ja.

INNA. Und du bist trotzdem gekommen?

SERGEJ. Haben alte Freunde nicht das Recht, einmal in zehn Jahren eine Frau zu besuchen, auch wenn sie verheiratet ist?

INNA. Bloß besuchen?

SERGEJ. Ja

INNA. Dann setz dich.

SERGEJ. Vielleicht bietest du mir eine Tasse Tee an?

INNA. Das bringt nichts.

SERGEJ. Ist dir der Tee zu schade?

INNA. Es dauert zu lange, wenn ich ihn aufgieße. Dein Besuch wird sich doch nicht lange hinziehen.

SERGEJ. Ich habe es nicht eilig.

INNA. Mein Mann kann jede Minute zurückkommen.

SERGEJ. Erlaubt er dir nicht, dich mit Freunden zu treffen?

INNA. Ich erlaube mir das selbst nicht.

SERGEJ. Und was passiert, wenn mich dein Othello hier antrifft? Und wenn er sieht, wie ich Tee trinke? Wird er mich erschlagen? Oder dich? Oder uns beide?

INNA. Das ist nicht komisch.

SERGEJ. Ich versuche auch nicht, dich zum Lachen zu bringen.

INNA. Auf jeden Fall möchte ich nicht, dass er dich hier sieht.

SERGEJ. Ich bin natürlich hocherfreut, dass du dir Sorgen um mein Leben machst. Aber es besteht kein Grund zur Aufregung. Dein Mann kommt nicht. Er ist mit dem Sohn ins Ausland gefahren und kommt erst in drei Tagen wieder.

INNA. Woher weißt du das?

SERGEJ. Du und ich haben noch gemeinsame Bekannte. Sie haben mich informiert.

INNA. Ich sehe, du hast dich gut auf dieses Treffen vorbereitet.

SERGEJ. Auf wichtige Treffen muss man sich doch gut vorbereiten.

INNA. Für dich ist dieses Treffen wirklich wichtig?

SERGEJ. Sehr.

INNA. :Das glaube ich dir. Deshalb hast du dich auch zehn Jahre darauf vorbereitet.

SERGEJ. Ich akzeptiere deinen Vorwurf.

INNA. Ich mache dir überhaupt keinen Vorwurf.

SERGEJ. Vielleicht setzt du doch Teewasser auf?

INNA. (Zögernd.) Na gut.

Inna geht in die Küche. Sergej betrachtet sich das Zimmer, schaut sich länger die Familienfotos an, und dann betrachtet er neugierig eine Gitarre, die an der Wand hängt, Inna kommt zurück.

SERGEJ. Bist du immer noch so nervös?

INNA. Ich denke gar nicht daran. Da bist du eben gekommen, na und? Was ist da schon dabei?

SERGEJ. Da hast du recht, was ist da schon dabei?

INNA. Ich kann dich immer noch raus schmeißen. Das macht mir nichts aus.

SERGEJ. Danke, sehr liebenswürdig. Spielt dein Mann Gitarre?

INNA. Nein.

SERGEJ. Und wer dann? Hast du es etwa gelernt?

INNA. Nein.

SERGEJ. Warum hängt sie dann hier?

INNA. (Zuckt die Schultern.) Wie viele unnütze Sachen sammeln sich in den Wohnungen an. Sie werden nicht gebraucht, aber zum Wegwerfen sind sie zu schade.

Sergej will die Gitarre abnehmen, aber Inna hält ihn zurück.

Fasse sie nicht an!

SERGEJ. Hab keine Angst, ich tue ihr nichts. (Nimmt die Gitarre von der Wand und betrachtet sie.)

Hör mal, das ist doch meine Gitarre!

INNA. Kann sein.

SERGEJ. Wirklich, es ist meine!

INNA. Wenn es deine ist, kannst du sie mitnehmen. Wahrscheinlich bist du gekommen, um sie zu holen.

SERGEJ. Natürlich, nur deshalb. Warum bist du nicht gleich darauf gekommen? Während du Tee machst, probiere ich sie mal, Einverstanden?

Sergej greift in die Saiten, Inna deckt den Tisch. Sergej stimmt die Gitarre und singt dann ein bekanntes Lied. Inna macht zuerst weiter, doch dann hält sie inne und hört

unwillkürlich dem Gesang zu.

INNA. Wie du willst.

SERGEJ.

Wir stehen uns ruhig gegenüber

Die Wunde im Herzen tut schon nicht mehr weh.

Der Abgrund der Trennung – wir kommen nicht drüber

Wir sind nur Bekannte und sagen ade.

 

Das alles ist seltsam – in früheren Tagen

Waren wir uns so unendlich nah,

Doch gestern ist nicht heute – muss man das sagen?

Wir sind nur Bekannte, und zufällig da.

 

Ein Märchen unsere Zweisamkeit

Die Trennung - unermesslich Leid.

Ich denke an sie wo ich geh und steh,`

Und vielleicht... ach warum? … ich sage ade!

Wir sind nur Bekannte. Doch Abschied tut weh.

Schweigen

INNA. (Ziemlich scharf.) Bringe die Gitarre in den Flur und lege sie neben die Tür.

SERGEJ. Wozu?

INNA. Damit du sie nicht vergisst, wenn du gehst.

Sergej hängt schweigend die Gitarre an ihren alten Platz.

Und nun sag, warum du eigentlich gekommen bist.

SERGEJ. Freust du dich gar nicht, mich zu sehen?

INNA. Worüber soll ich mich freuen?

SERGEJ. Hast du wenigsten manchmal an mich gedacht?

INNA. Nein, ich habe schon lange ein anderes Leben

SERGEJ. Bist du glücklich?

INNA. Der Tee ist bestimmt schon fertig. (Sie geht in die Küche und kommt mir der Teekanne in der Hand zurück.)

SERGEJ. Ihr habt eine gemütliche Wohnung.

INNA. Setz dich. Trink deinen Tee. Kuchen habe ich nicht gebacken.

SERGEJ. Das ist meine Schuld. Ich bin hier aufgetaucht ohne Torte, Pralinen und Blumen. Nächstes Mal mache ich es besser.

INNA. Das nächste Mal? Ich fürchte, das findet nicht statt.

SERGEJ. Warum nicht?

INNA. Wollen wir doch mal aufhören wie die Katze um den heißen Brei herumzureden. Sage, was hast du ausgeklügelt.

SERGEJ. Kannst du das nicht erraten?

INNA. Ich kann keine fremden Gedanken lesen. Und ich will es auch nicht. Komm zur Sache.

SERGEJ. Wenn es sein muss, komme ich eben zur Sache. Du hast noch eine Schuld. Ich möchte sie einfordern.

INNA. Ich kann mich an keine Schuld erinnern.

SERGEJ. Aber ich.

INNA. Vielleicht verlangst du auch noch Zinsen?

SERGEJ. Ehrlich gesagt, ich würde mich nicht wehren.

INNA. (Nimmt ihre Tasche und holt daraus die Geldbörse hervor.) Ich weiß nicht, wie viel Geld ich hier habe. Um welche Summe handelt es sich?

SERGEJ. Inna, spiel mir nichts vor. Du weißt ganz genau, um welche Schuld es sich handelt.

INNA. Ich habe keine Ahnung.

SERGEJ. Du verstehst alles ganz exakt. Deshalb bist du von Anfang an Anfang so nervös.

INNA. Ich erinnere mich an nichts. Es ist so lange her....

SERGEJ. Soll ich dir vorsagen?

INNA. (Schweigt ein wenig.) Brauchst du nicht.

SERGEJ. Es war an dem Morgen auf dem Flugplatz. Erinnerst du dich?

Inna antwortet nicht.

Du bist am Abend vorher nicht zu mir gekommen, obwohl du es versprochen hattest, und obwohl du wusstest, dass das unsere letzte Nacht war. Ich stand auf dem Flugplatz am Drehkeuz und wartete, aber du kamst nicht. Ich hatte Angst, dass ich weg fliegen muss, ohne dich noch einmal gesehen zu haben.

 

Eingangshalle des Flugplatzes. Sergej wartet mit einem Koffer in der Hand ungeduldig auf INNA. Über die Lautsprecher wird die Beendigung der Abfertigung seines Flugzeuges verkündet. Sergej hat schon alle Hoffnung verloren, sein geliebtes Mädchen noch einmal zu sehen und geht zur Abfertigung. Doch in diesem Augenblick kommt Inna angelaufen und fällt ihm um den Hals. Heiße Küsse, Umarmungen. Beide sind noch ganz jung.

 

INNA. Sergej! (Umarmt und küsst ihn.) Mein Liebster...Mein Liebster...

SERGEJ. Inna! Du bist ja doch noch gekommen. Ich habe schon gedacht, dass ich wegfahren muss, ohne dich gesehen zu haben.

INNA. Ich bin nicht einfach gekommen, ich bin gerannt, geflogen... Habe nur an eines gedacht: Ich muss es schaffen!

SERGEJ. Und jetzt können wir uns einen ganzen Monat nicht sehen. Wie können wir überleben, ohne einander?

INNA. Ich habe sogar Angst, nur daran zu denken. Ich möchte die Augen zusammenkneifen und sie dann wieder aufmachen und der Monat ist um.

Über Lautsprecher wird der Abschluss der Abfertigung des nächsten Fluges bekanntgegeben.

SERGEJ. Ich muss gehen. Die Abfertigung ist schon vorbei.

INNA. Warte! Nur noch einen Moment! Ich liebe dich so!

SERGEJ. Ich habe zu Hause die ganze Nacht auf dich gewartet.

INNA. Ich weiß. Aber meine Mutter hatte wieder einen Anfall, ich konnte nicht. Auch jetzt habe ich mich nur mit Mühe losgerissen.

SERGEJ. Ich war so traurig... Meine Arme haben dich fest umschlossen....

INNA. Und ich habe deine Umarmungen gespürt. Es ist furchtbar. Meine Tränen sind die ganze Zeit gelaufen. Die letzte Nacht – und ich bin nicht gekommen. Das werde ich mein Leben lang bedauern. Und überhaupt – ein Monat ist eine so lange Zeit... Fast unendlich. Wer weiß, was alles passieren kann....

SERGEJ. Orakle nicht. Was kann denn schon passieren?

INNA. Ich weiß nicht.

SERGEJ. Versprich mir : Was auch immer geschieht, du sorgst dafür, dass wir unser ausgefallenes Rendezvous nachholen. Selbst wenn du mich nicht mehr liebst, selbst wenn viele Jahre vergehen, ganz egal. Wenn ich von dir ein Rendezvous verlange, dann kommst du. Einverstanden?

INNA. Was redest du für Unsinn? Ich werde dich immer lieben.

SERGEJ. Ich weiß oder ,besser, ich hoffe es. Aber das Leben ist eine komplizierte Sache und nicht alles verläuft so, wie wir es erwarten. Ich kann nicht mit dem Gedanken wegfahren, dass ich dich vielleicht niemals mehr umarmen kann. Versprich es mir.

INNA. Was sollen die Versprechungen. Ich bin dein und werde immer dein sein.

SERGEJ. Also du kommst?

INNA. (Lachend.) Willst du, dass ich einen Schwur ablege wie in alten Romanen? Worauf soll ich schwören? Das Leben meiner Mutter? Mein Blut? Du weißt doch: welche Hindernisse auch entstehen könnten, wo und mit wem ich zusammen wäre, ich komme zu dir, beim ersten Signal. Und wenn es erst in einem Jahr oder in zehn Jahren ist, wir geben uns die verlorene Nacht zurück.

Lautsprecher : Das Bording des Fluges A-1483 ist abgeschlossen.

SERGEJ. (Umarmt das Mädchen.) Auf Wiedersehen.

INNA. Schreibe mir ganz oft, ja?

SERGEJ. Jeden Tag. Jetzt muss ich wirklich los.

INNA. Fliege nicht weg! Ich sterbe ohne dich!

SERGEJ. Ich komme bald wieder. Warte auf mich.

Sergej nimmt den Koffer und geht eilig weg. Inna winkt ihm mit einer Hand hinterher, mit der anderen wischt sie die Tränen ab.

 

Inna und Sergej sitzen wieder im Zimmer am Tisch.

INNA. Mein Gott, wie jung und wie dumm wir waren! Man geniert sich und es ist doch lächerlich.

SERGEJ. Ich geniere mich nicht und finde es auch nicht lächerlich.

INNA. Hast du dich wenigstens manchmal daran erinnert?

SERGEJ. Die ganze Zeit.

INNA. Das hört man gern. Zehn Jahre lang hat er dagesessen und sich erinnert. Und hat natürlich von einem Wiedersehen geträumt. Aber wie es ausschaut, hatte er andauernd keine Zeit

SERGEJ. Jetzt geht es doch nicht darum.

INNA. Worum denn sonst?

SERGEJ. Um dein Versprechen. Weißt du es noch?

INNA. Ich habe es auch nicht vergessen.

SERGEJ. Was sagst du nun dazu?

INNA. Trink deinen Tee.

Inna gießt Tee ein. Sergej beobachtet sie. Pause.

SERGEJ. Siehst du, du sagst, dass ich fast so aussehen würde wie früher. Doch du hast dich verändert.

INNA. Danke für das „Kompliment“.

SERGEJ. Früher warst du ein sympathisches dünnes Mädelchen. Ich weiß nicht, was ich an dir gefunden habe.

INNA. Na und jetzt?

SERGEJ. Heute bist du eine reife verführerische Frau.

INNA. Und welche von den beiden gefällt dir besser? Die frühere oder die heutige?

SERGEJ. Beide

INNA. Ich wollte schon auf dieses Mädelchen eifersüchtig werden.

SERGEJ. Und erinnerst du dich an unsere Spaziergänge bis zum Morgengrauen, Hand in Hand , unsere endlosen Gespräche, die lauen hellen Nächte, den Duft des Flieders und unsere ersten Küsse…

INNA. Ob ich mich erinnere oder nicht, was hat das für eine Bedeutung? Jeder hatte seine erste Liebe, eine dumme, reine, emotionsgeladene, leidenschaftliche, aber nicht tiefgehende Liebe. Also lassen wir die Poesie. Sie führt zu nichts.

SERGEJ. Möchtest du nicht manchmal, dass sich das alles wiederholt?

INNA. Die erste Liebe gibt es nur einmal, deshalb ist sie ja die erste. Sie kann sich nicht wiederholen. Das wird dann schon die zweite, oder sogar die zehnte Liebe.

SERGEJ. Sie kann doch auch gar nicht aufhören.

INNA. Du sprichst doch nicht etwa von dir selbst?

SERGEJ. Und wenn es so wäre?

INNA. Bring mich nicht zum Lachen.

SERGEJ. Gut, lassen wir die Poesie und kommen wir zur Sache. Du schuldest mir ein Rendezvous. Sage wann und wo.

INNA. Machst du Witze? Was für ein Rendezvous. Es sind so viele Jahre vergangen.

SERGEJ. Na und? Du bist es doch versprochen.

INNA. Und deswegen bist du gekommen?

SERGEJ. Ja. Ich warte auf deine Antwort.

INNA. Interessiert dich denn gar nichts anderes als dieses unglückliche Rendezvous? Warum kannst du denn nicht mal fragen, wie es mir geht, wo ich arbeite, was ich für eine Familie habe und was für ein Mensch ich geworden bin? Warum versuchst du, mich in die Vergangenheit zu versetzen ohne wissen zu wollen, wie ich jetzt bin?

SERGEJ. Ich bin nicht gekommen um dir mein Leben zu erzählen und um deine Geschichte anzuhören. Jedenfalls nicht heute.

INNA. Ach so ist das? Das ist nicht interessant für dich?

SERGEJ. Nein, wieso denn. Ich habe mir vorgestellt, dass wir über all das bei dem Rendezvous sprechen.

INNA. Wenn du mich dazu nur zum Reden einladen wolltest, dann gehe davon aus, dass es schon stattgefunden hat.

SERGEJ. Na gut, erzähle: Was für eine Familie hast du?

INNA. Keine besondere. Ich habe ja schon gesagt: Sohn, Mann.

SERGEJ. Na und wie lebt ihr beiden zusammen?

INNA. Mit meinem Mann? Wie alle Ehepaare nach einer Reihe von Ehejahren. Alltäglich und abgeklärt. Ohne besondere Liebe, ohne feurige Leidenschaft, aber zum Glück auch ohne Hass. Ich würde sagen, wir sind Freunde.

SERGEJ. Nur Freunde?

INNA. Freunde, die darüber hinaus auch noch manchmal Liebe machen: Nennen wir es mal so.

SERGEJ. Weiß dein Mann etwas über mich?

INNA. Ich gehöre nicht zu denen, die den Männern mit Vorliebe von ihrer Vergangenheit erzählen. Je weniger sie davon wissen, umso besser für sie. Und was kann ein Ehemann erfahren, was er nicht sowieso schon weiß? Dass ich in meiner Jugend jemanden hatte? Ihm ist doch bekannt, dass er keine Jungfrau geheiratet hat.

SERGEJ. Nun und euer Sohn? Wie alt ist er?

INNA. Er ist schon groß.

SERGEJ. Sieht er dir oder deinem Mann ähnlich?

INNA. Er sieht seinem Vater ähnlich.

SERGEJ. Also deinem Mann.

INNA. Nicht wirklich. Er ist mein Sohn, aber nicht sein Sohn.

SERGEJ. Ich verstehe das irgendwie nicht, was heißt: „nicht sein Sohn“?

INNA. Das ist der Sohn aus meiner ersten Ehe. Aber Wassili liebt ihn sehr. Wassili ist mein zweiter Mann.

SERGEJ. Ich wusste nicht, dass du zum zweiten Mal verheiratet bist.

INNA. Nun weißt du es.

SERGEJ. Ich sehe, du hast ohne mich keine Zeit verloren.

INNA. In 10 Jahren kann man viel schaffen.

SERGEJ. Und wie stehst du dazu, es ein drittes Mal zu versuchen?

INNA. Bis jetzt hatte ich keine passenden Anträge.

SERGEJ. Und wenn einer kommt?

INNA. Dann werde ich darüber nachdenken. Aber mit meinem jetzigen Mann bin ich vollkommen zufrieden.

SERGEJ. In jeder Beziehung?

INNA. In jeder Beziehung, Auch in der, über die man gewöhnlich Fremden nichts erzählt.

SERGEJ. Danke für die Information.

INNA. Du wolltest sie und du hast sie bekommen.

Pause.

SERGEJ. Und wer oder was war dein erster Mann?

INNA. Ein Mann.

SERGEJ. Und außerdem?

INNA. Was, ist da wichtig? Ich war nur kurze Zeit mit ihm zusammen, und es ist schon lange her. An Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. Und überhaupt, die Männer unterscheiden sich nicht so sehr voneinander.

SERGEJ. Hast du solche reiche Erfahrungen?

INNA. Denkst du vielleicht, dass ich all die Jahre nichts weiter gemacht habe als dasitzen und nach dir schmachten? Nein, mein Lieber, alles gerät in Vergessenheit, alles geht vorbei. Ich hatte Liebhaber, nicht nur einen, und glaube mir: ich war mit ihnen glücklich im Bett und habe dabei nicht an dich gedacht.

SERGEJ. Wie kann denn so etwas sein?

INNA. Es kann nicht anders sein. Bei der ersten Liebe - wie bei jeder Frau – hat mir der Geliebte gefallen, bei den folgenden – die Liebe selbst.

SERGEJ. (Nach kurzem Schweigen.) Du hast dich wirklich verändert.

INNA. Endlich begreifst du das langsam.

SERGEJ. Es ist vielleicht besser, wenn ich dich nach nichts mehr frage.

INNA. Nein, wieso. Je mehr du Fragen stellst und die Antworten hörst, umso weniger willst du von mir das Rendezvous einfordern. Versteh doch: der Zug ist abgefahren.

SERGEJ. Ich fürchte, du bist zu streng geworden.

INNA. Und sogar zynisch.

SERGEJ. Oder möchtest du so erscheinen?

INNA. Ich war damals nur ein Kind und jetzt bin ich erwachsen. Oder schockiert es dich vielleicht, dass ich außer dir noch andere gehabt habe?

SERGEJ. Ich verstehe, dass du zehn Jahre lang nicht als Nonne gelebt hast. Aber sage bitte, hast du einmal mit irgendjemandem das gefühlt was wir damals gefühlt haben? Das Glück bei jeder Berührung, jedem Lächeln, jedem Wort, jedem Schweigen? Bist du mit jemandem die ganze durch die Gegend gestreift und hattest nicht die Kraft Tschüss zu sagen? Du wartetest auf die nächste Begegnung schon eine Minute nach dem Auseinandergehen? Du wachtest morgens voller Glücksgefühl auf, nur weil ihr euch heute wieder seht? Dich erfüllte ein verrücktes, unerklärliches Glück, weil es auf der Welt einen Menschen gibt, den du liebst?

INNA. (Nach kurzen Schweigen.). Das gibt es nur in der Jugend. Und dann auch nicht bei allen.

SERGEJ. Aber warum? Kann man etwa nur freudig und rücksichtslos mit achtzehn Jahren lieben? Mit dreißig oder vierzig schon nicht mehr? Und kann man etwa nicht das ganze Leben lieben?

INNA. Offensichtlich nicht.

SERGEJ. Aber ich bin überzeugt, dass das doch möglich ist. Alles hängt von uns selbst ab.

INNA. Oder du bist vielleicht ein unverbesserlicher Romantiker oder du hörst dich gern schön reden.

SERGEJ. Ist das alles, was du mir sagen kannst?

INNA. Muss ich denn etwas sagen?

Pause.

SERGEJ. Du hast etwas über dich erzählst. Warum fragst du aber nicht nach mir?

INNA. Wozu? (Nach kurzem Schweigen.) Warum bist du damals verschwunden?

SERGEJ. Das ist eine lange Geschichte... Nachdem unser Hubschrauber verunglückte, dauerte es lange, bis ich wieder zu mir kam. Gut, dass ich noch lebte.

INNA. Du bist mit dem Flugzeug abgestürzt?

SERGEJ. Hast du das nicht gewusst?

INNA. Nein.

SERGEJ. Am Anfang kam ich in einer Holzhütte in den Bergen zu mir. Dann habe ich mich mit einem Kumpel monatelang durch die Taiga geschleppt, auf der Suche nach Menschen. Dann kam ich ins Krankenhaus. Als ich dich endlich anrufen konnte, hat niemand abgenommen.

INNA. Ich bin umgezogen.

SERGEJ. Das habe ich erst viel später begriffen, als ich zurück kam und erfuhr, dass du verheiratet bist, habe ich es erst nicht geglaubt. Dann bin ich wütend geworden, dann habe ich mich gequält, habe gelitten, dann habe ich versucht zu vergessen und ich habe wirklich vergessen... Zumindest habe ich das gedacht. Aber es hat sich herausgestellt, dass Vergessen nicht so einfach ist....

INNA. Und was war dann?

Sergej Alles Mögliche. Es gab Bekanntschaften und Trennungen; Hoffnungen und Enttäuschungen, es gab Frauen, Versuche, eine Familie zu gründen. Alles gab es....Aber all das war so langweilig, so alltäglich.... Und ich dachte immer öfter an unser vertagtes Rendezvous... Ich wusste, dass es unbedingt stattfindet, und dass es mein Leben verändern wird... Unser Leben...

INNA. Es wird nichts ändern, Sergej.

SERGEJ. Meinst du? Haben wir wirklich nur eine Vergangenheit und keine Zukunft?

INNA. Nur eine Vergangenheit.

SERGEJ. Das ist nicht wahr. Sollten wir wirklich nicht für einen Augenblick das spüren, was früher war?

INNA. Das geht nicht.

SERGEJ. Aber warum?

INNA. Ich bin nicht mehr achtzehn und werde niemals wieder achtzehn sein. Wir werden niemals mehr so wie damals, naiv, euphorisch und ohne Wenn und Aber verliebt sein. Und unser Rendezvous wird und kann nicht so sein, wie es damals gewesen wäre. Wir sind nicht mehr die von damals. Die sind gestorben und erleben auch keine Auferstehung. Also spiele nicht mehr dieses Spiel vom Jungsein.

SERGEJ. Du weichst nur der Antwort aus.

INNA. Versteh doch, ich habe kein Problem damit, mit dir zu schlafen: Ich habe es versprochen, also kann ich es auch machen. Aber das ist nicht das, was du willst. Du hast dir die wunderbaren Erinnerungen bewahrt, die wollen wir nicht zerstören.

SERGEJ. Warum zerstören?

INNA. Ich wiederhole noch einmal: Du möchtest eine Begegnung mit derjenigen, die ich vor zehn Jahren war. Aber das Mädchen existiert nicht mehr. Es gibt eine müde, reife, erfahrende Frau, die noch wie es heißt „ganz schön beisammen“ ist, die noch gut aussieht, aber weiter nichts.

SERGEJ. Das ist nicht wichtig.

INNA. Doch es ist wichtig. Du erwartest die Freuden der ersten Liebe, aber es ist für uns nicht die erste, sondern die zehnte. Willst du vielleicht, dass ich dir die Erfahrungen übermittle, die ich mit anderen Männern gesammelt habe? Oder soll ich etwas Neues im Bett von dir lernen? Du warst doch zehn Jahre lang auch kein Mönch.

SERGEJ. Du versuchst mich zu überzeugen, dass die Träume der Jugend unter dem Druck des Alltagslebens verdorren und verwelken. Gesetzt den Fall es ist so, dann müssen wir darüber nachdenken, warum wir nicht diesen Weg eingeschlagen haben. Warum wir immer höher steigen beim Alter, bei Positionen und bei Gehältern, aber wir lassen und irgendwo in uns fallen? Warum werden wir langweiliger und gleichgültiger? Altert die Seele vielleicht gemeinsam mit dem Körper?

INNA. Möchtest du, dass sich die Falten glätten, die Augen wieder blitzen, die Bewegungen leicht werden? Dass ich durch ein Wunder wieder jung fröhlich, sorglos, dünn und begeistert würde? Oder das die Jugend und die Dummheit auch zu dir zurückkämen?

SERGEJ. Ich glaube, dass wir in der Tiefe unserer Seele die gleichen sind, die wir waren und dass wir füreinander geschaffen sind. Das kann durch nichts verändert werden. Wir haben nicht das Recht, einander zu verlieren.

INNA. Du willst doch nicht etwa sagen, dass du mich noch immer liebst?

SERGEJ. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Das ist alles zu lange her. Aber eines weiß ich ganz genau: wenn ich nur daran denke, wie wir beide glücklich waren, dann bleibt mir die Luft weg. Und ich möchte nur für einen Tag, nur für eine Stunde dieses Glück noch einmal erleben.

Pause.

INNA. Na gut. Nehmen wir an, ich glaube dir. Nehmen wir an, ich komme. Und wir verbringen eine Nacht zusammen. Nehmen wir sogar an, dass uns kurze Momente umwerfenden Glückes erwarten. Was wird danach?

SERGEJ. Was danach wird? Ich weiß es nicht. So weit nach vorn kann ich nichts voraussagen. Jetzt erbitte ich von dir nur ein Rendezvous. Und das entscheidet, wie es weiter geht. Aber ich brauche keine „Abarbeitung der Schuld“. Ich möchte, dass du zu dem Rendezvous so kommst, wie du damals warst: verliebt, freudig, offen, glücklich... Vergiss wenigstens für ein paar Stunden die heutigen Probleme, kneif die Augen zusammen und stell dir vor, dass das damals vor zehn Jahren stattfindet...

INNA. Und trotzdem frage ich noch einmal: Und was wird danach?

SERGEJ. Ich weiß es nicht. Warum sollte man vorzeitig darüber nachdenken?

INNA. Du weißt es nicht, dafür weiß ich es. Nichts wird sein.

SERGEJ. Es kann sein, wir entscheiden uns, das ganze Leben zusammen zu bleiben.

INNA. Und dann beginnt die langweilige Routine wie bei allen anderen. Weißt du, was geworden wäre, wenn wir damals nicht auseinandergegangen wären? Unsere Begeisterung wäre bald abgeebbt und von gegenseitiger Gleichgültigkeit oder sogar Gereiztheit ersetzt worden. Wir müssen dem Schicksal dankbar sein, dass es uns getrennt hat. Da sind wenigstens die aufregenden Erinnerungen geblieben.

SERGEJ. Es kann doch nicht sein, dass es bei uns genauso wäre wie bei dir und deinem Mann? Würden wir uns auch so ruhig, gähnend ins Bett legen?

INNA. Woher weißt du, was für ein Leben mein Mann und ich führen?

SERGEJ. Du hast es selbst gesagt.

INNA. Ich habe manches gesagt.

SERGEJ. Die Liebe ist etwas Seltsames. Zwei begegnen sich. Sind verrückt nach einander, jede gemeinsam verbrachte Minute bringt ihnen Ergötzen. Und sie meinen natürlich, dass das bis in alle Ewigkeit so bleibt. Es vergeht eine Woche, ein Monat, ein Jahr... und sie gehen auseinander. Und wenn sie sich erneut begegnen, finden sie aneinander nichts Aufregendes, nichts Interessantes. Wohin ist diese Anziehungskraft, die dich an mich gebunden hat? Vielleicht ist sie nur das Ergebnis unserer Phantasie?

INNA. Ich schlage vor, nicht über allgemeine Themen zu diskutieren. Sage klar und deutlich, was du willst

SERGEJ. Ich habe doch gesagt: ein Rendezvous. Ich komme nicht zur Ruhe, wenn es nicht stattfindet. Unsere Beziehungen wurden zertrennt, aber nicht abgeschlossen.

INNA. Dann schließen wir sie jetzt an Ort und Stelle ab. Oder braucht man dafür unbedingt ein Bett?

SERGEJ. Kommst du nun oder nicht?

INNA. Vergiss es! Man kann nicht von den Erinnerungen an lächerliche Kinderschwüre leben.

SERGEJ. Was hält dich zurück? Die Treue gegenüber deinem Mann? Aber ich habe doch eher als er deinen Körper erforscht. Wir waren Dutzende Male zusammen. Was macht da noch ein Zusammensein, das einzige und letzte, aus? Denke einfach, dass unser Beisammensein stattfindet, bevor du ihn kennengelernt hast. Es gehört ja in die Vergangenheit, nicht in die Gegenwart.

INNA. Nein, mein Lieber. Wenn ich schon zustimme, zu einem anderen Mann zu gehen, dann muss es einer sein, der mich nicht nur für eine Stunde oder eine Nacht haben will, sondern für das ganze Leben.

SERGEJ. Wer weiß, vielleicht will ich das.

INNA. Und du bist bereit, mich so zu nehmen, wie ich jetzt bin: erwachsen, etwas zynisch, geschieden, mit Kind – kurz gesagt: nicht so ein junges Mädelchen wie damals.

SERGEJ. Ich weiß nicht. Ich kann das nicht so Knall auf Fall entscheiden.

INNA. Na siehst du, du hast dich nicht nur von mir, sondern auch von deinem Sohn losgesagt

SERGEJ. Von welchem, meinen Sohn?

INNA. Du hast das noch nicht verstanden? Du hast dir doch die Fotos angesehen.

SERGEJ. (Geht zu einer Fotografie. Die an der Wand hängt.) Du willst sagen, dass ….

INNA. Ich habe doch schon gesagt, dass er seinem Vater ähnlich sieht. Das sieht man doch.

SERGEJ. Ich habe nicht gewusst......

INNA. Ich weiß, dass du es nicht gewusst hast. Und jetzt gehe.

SERGEJ. Sei nicht böse.

INNA. Ich bin nicht böse. Geh.

SERGEJ. Ich kann doch nichts dafür, dass du nicht auf mich gewartet hast.

INNA. Und ich bin nicht schuld, dass du verschwunden bist und mich verlassen hast, als ich schwanger war.Geh.

SERGEJ. So kommst du also nicht?

INNA. Nein. Die Zeit ist vergangen. Und ich habe eine Familie.

SERGEJ. Ist das deine endgültige Entscheidung?

INNA. Lebe wohl.

Sergej geht auf den Ausgang zu, bleibt aber noch einmal stehen.

SERGEJ. Beantworte mir nur noch eine Frage: Liebst du mich jetzt ganz und gar nicht mehr?

INNA. Ganz und gar.

SERGEJ. Alles, was war, ist vergessen?

INNA. Ja.

Sergej geht langsam weg. Inna, allein geblieben. lässt sich kraftlos auf einen Stuhl fallen.

 

 

Ende des Dramoletts „ Das vertagte Rendezvous“